Es ist ein merkwürdiges Verhalten, daß einerseits die Abwägung als Höchstform der Autonomie des Menschen gehandelt wird. Er könne daher in einer Gewissensentscheidung für sich wählen, welchem ethischen Gut er den Vorrang einräumen könne. So verläuft die Linie in den Sachen des Lebens, am Anfang und am Ende, oder in der Daseinsvorsage als Konflikt von Freiheit und Sicherheit. Hier, so meinen die Verfechter eines postmodernen Gewissensverständnis, schlägt das Herz der Menschenwürde. Und andererseits ist diese Abwägung nun das Greuel schlechthin, eine Unverantwortlichkeit, ein Widerspruch zur Autonomie, ein Egozentrismus und die Wurzel allen Übels.
Nehmen wir kurz die Frage nach der Grippeimpfung. Entscheidet sich hier nicht die gleiche Sache? Ist hier nicht auch Freiheit und Sicherheit im Konflikt, ja gar nicht das Leben selbst? Wo wenn nicht hier darf der Mensch noch abwägen?

Mir geht es gar nicht um die Argumente für und gegen. Wobei freilich eine Impfung, von der im besten Fall 10 % der Bevölkerung profitieren, die aber Folgen für mehr als 10 % der Bevölkerung haben könnte, nicht wirklich gute Argumente für haben kann. Doch sei’s drum. Was nicht angeht, ist die himmelschreiende Ungerechtigkeit, die von den Rittern der postmodernen Erlösungslehre ausgeht: Wer Autonomie und Abwägung ruft, der muß auch abwägen lassen! Sie halten sich einfach nicht an ihre eigene Lehre. Und sie nehmen dann noch andere dafür in Haft. Das schreit zum Himmel.

Diese Einstellung, man könne Güter nach dem Gutdünken der eigenen Willkür auf- und abwägen, habe ich nie geteilt. Güter sind hierarchisch. Nur so kann es einen allgemeinen ethischen Wahrheitsanspruch geben. Und nun zeigt sich zwar nicht, die praktische Evidenz, daß meine Perspektive recht hat, aber daß deren Sicht ein Gebäude voller Lügen war und ist. Es hat niemals diese Abwägung gegeben. Derjenige, der sich hat betören lassen, der müßte nun erwachen und sehen, wie verkehrt jene Prediger liegen. Es sind betrogene Betrüger.

Eine Lüge funktioniert nicht mehr, wenn die Wahrheit ans Licht kommt. Dieser Augenblick steht für die Ethiker bevor. Die einen wußten es von Anfang an, daß der Relativismus eine Lüge in sich ist. Die anderen wissen es nun, weil sie sich mit ihren eigenen Worten widersprechen.

Randnotiz:
Der Relativismus überholt sich gerade an allen Ecken und Enden. Die Bewegungen, im Namen der Gerechtigkeit auftreten, um gegen Rassismus, Intoleranz, Religion, Faschismus, Geschlechtsdiskriminierung anzugehen, offenbaren sich in Wahrheit als das, was sie bekämpfen. Daran erkennt der einfache Mann, daß der Relativismus fertig hat. Erst wenn dieser Punkt erreicht ist, die Erkenntnis: der Relativismus ist falsch, dann kann eine Erneuerung beginnen.