Schrieb ich gestern noch, Papst Franziskus würde weiterhin eine schwere Sünde eine schwere Sünde nennen, so habe ich mich wohl geirrt. Jedenfalls gibt Walter Kardinal Kasper eine andere Interpretation von Papst Franziskus‘ Worten.

Auf RV gab es einen Gastkommentar mit ihm. Zunächst meint er, die «leidige Auseinandersetzung» mit Amoris Laetita sei nun hoffentlich beendet. Ich weiß ja nicht auf welchem Planeten dieser Mann lebt, aber beendet? So ein Käse. Die Fragen der Kritiker wurden ja nicht beantwortet. Und wenn man das Schweigen gegenüber den Kritikern einmal ausdeutet, dann scheinen die Kritiker legitime Punkte anzuführen. Qui tacet, consentire videtur. Kann Herr Kasper nicht einfach die Dubia mal aus seiner Sicht beantworten? Warum tut er es nicht, sondern weicht aus und kommt mit Antworten auf andere Fragen an? Die Diskussion wird jetzt erst richtig heikel.

Dann sagt Kasper das, was ich gestern auch schrieb: Es geht um die Zulassung zu den Sakramenten. Und da kann es Möglichkeiten geben.
Doch dann, der nächste Absatz, o Wunder, hebt er doch die schwere Sünde auf:

Es ist feste Tradition der Kirche, dass die objektive Schwere eines Gebots, das selbstverständlich ausnahmslos gilt, nicht immer der Schwere der subjektiven Schuldhaftigkeit entspricht. Die schwere Sünde ist ein komplexer Begriff. Dazu gehört nicht nur der Verstoß gegen ein objektives Gebot sondern auch das subjektive Bewusstsein von der schweren Sündhaftigkeit und die bewusste Absicht gegen ein Gebot Gottes zu verstoßen. Ob dies im konkreten Fall gegeben ist, muss im Forum internum, also im Gewissen „vor Gott“ und im persönlichen Gespräch mit dem Seelsorger, normalerweise im Beichtgespräch geprüft werden.

Hier gibt es zwei Anmerkungen meinerseits: Damit man überhaupt sündigen kann (in einem ethischen Sinne), muß ein subjektiver Irrtum vorliegen. Was man tut, muß als gut erkannt worden sein. Sonst würde man es nicht tun. Hätte man eine schlechte Tat als schlecht erkannt, unterläßt man sie. Das ist ebenso die Lehre von dem werten Thomas von Aquin, der hier als Patronus herhalten muß (sog. Synderesis; bonum agere, malum vitare). Was Herr Kasper also hier sagt, ist nicht die Nummer vom Thomas, sondern die Hotline vom Herrn Kant. Denn es geht darum, daß das Schlechte getan wird, obwohl es als das Schlechte erkannt wurde. Der Herr aus Königsberg nennt das das Diabolische. Böses um des Bösen willen. Natürlich kann nun der Herr Kasper sagen: «Junge, so hab ich das aber nicht gemeint.» – Ja, was denn sonst, frage ich!
Zweitens: Wer, der sich als Katholik versteht, glaubt ernsthaft, daß es Ehebruch ohne schwere Sündhaftigkeit überhaupt geben kann? Wer die Ehe bricht und Kinder halt, soll mal die fragen, was die davon halten. Die Antwort wird eindeutig sein. Kinder unter 14 Jahren verstehen das ohne Probleme. Herr Kasper scheinbar nicht.

Es ist die ausdrückliche Lehre des Konzils von Trient, das sich dabei auf Thomas von Aquin bezieht, dass der Empfang der Eucharistie, welche die Lebenshingabe Jesu zur Vergebung der Sünden vergegenwärtigt, die lässlichen Sünden, deren jeder Christ schuldig ist, wenn er sie bereut, tilgt und (den Christ) vor schweren Sünden bewahrt (Dekret über die hl. Eucharistie, Kap. 2, und Kanon 5; Thomas v. A., Summe der Theologie III, quaestio 79, Artikel 3, 4 und 6).  Es ist also schwer einzusehen, dass es der Lehre der Kirche widersprechen soll, wenn die Anmerkung 351 von Amoris laetitia sagt, dass in gewissen Fällen, d.h. in Fällen, in denen keine schwere subjektive Schuldhaftigkeit vorliegt, die Sakramente eine Hilfe sein können.

Dieser Abschnitt offenbart die Denke des Kardinals: Ehebruch ist, wenn die subjektive Schwere nicht vorliegt, gar keine schwere Sünde, sondern nur eine läßliche. «Leute, alles nur halb so wild!» Man mag das mal auf den Mord umlegen. Scheint auch nur ’ne läßliche Sünde zu sein, wenn die subjektive Schwere fehlt.
Und ein philosophisches Problem ist da auch noch dabei: Selbst wenn es keine schwere Sünde wäre, sondern eine läßliche, so hätte man ja doch etwas erkannt: daß es eine Sünde ist. Wie soll das gehen? Hat das Gewissen zwei Kammern, eine für läßliche, eine für schwere Sünden? Anders gesagt: Woher weiß die Person, um die es geht, daß es sich um eine läßliche und nicht um eine schwere Sünde handelt? Sie ist ja offensichtlich nicht in der Lage diese Unterscheidung zu treffen. So ein Blödsinn von Herrn Kasper!
Dann wird hier die Rechtssystematik dogmatisiert. Die Verhältnisse werden umgekehrt. Nicht die Dogmatik richtet sich am Recht aus, sondern das Recht an der Dogmatik. Wer das Recht aushebelt, hebelt nicht die Dogmatik aus, sondern nur das Recht. Wer aber die Dogmatik aushebelt, der hebelt beides aus.
Kasper wiederholt, was Thomas sagt, und da steht klar etwas von «bereut und tilgt». Ja, was nu? Wie kann denn ein Ehebruch, als den man ihn schon erkannt hat, dessen Entstehen vielleicht sogar bereut, dessen Unterlassen aber nicht stattfinden wird, getilgt werden? Ich sehe es nicht. Die Eucharistie ist kein «kurzer Rechtsweg», um an der Beichte vorbei zu kommen. Und welcher Hochmut des Einzelnen, das Urteil der Kirche zu verschmähen und statt dessen sein eigenes Urteil vorzuziehen!

Und schließlich noch eine andere pastorale Anmerkung: Es gibt Menschen, die machen sich über läßliche Sünden verrückt. Die «subjektive Schwere» ist gravierend, während das Urteil des Richters dagegen sehr mild ist.
Es ist ein Gebot der Gerechtigkeit, das korrekte Urteil zu fällen. Und es ist ein Gebot der Barmherzigkeit, den Irrtum des Einzelnen in die Wahrheit der Situation aus dem Licht des Glaubens heraus zu überführen.

Übrigens: Den Verweis auf Pieper nehme ich ihm sehr übel. Was der Unterschied zwischen Situationsethik und Situationsgewissen sein soll, daß erklärt der Kasper nicht. – Die sog. Kardinaltugend der Klugheit setzt die Kenntnis der Situation voraus. Das ist hier also nicht gegeben. Zudem ist auch die Frage, was der Erwerb einer Tugend mit Sünde zu tun hat. Dieser Zusammenhang ist schleierhaft. Sünde weist ja gerade den Mangel an Tugend aus. Mir scheint es so zu sein, daß Kardinal Kasper keine Einsicht in das Wesen der Tugend hat. Die platonischen Dialoge stellen uns da vor viele Rätsel und so einfach, wie er hier tut, ist es beileibe nicht. Und wenn er auf die Klugheit referiert und man an Aristoteles denkt, dann ist Sache noch gravierend schlimmer. Die phronesis-Lehre (phronesis=Klugheit) sagt, man soll auf den Tugendhaften schauen, denn dieser handelt im Zweifel richtig. Was also der Tugendhafte tun würde, das sollte man tun. Durch Komparation entsteht folgende Situation: Wer ist tugendhafter? Der, der im Ehebruch verharrt, oder der, der enthaltsam lebt? Na? Na?? Na, Herr Kasper? Hören Sie auf, so einen Blödsinn zu erzählen!

Am Ende bezieht sich Kasper selbst auf die Unterscheidung zwischen Mord und Totschlag. Ich war schon schockiert, daß meine Firmlinge diese Unterscheidung nicht richtig hinbekommen haben. Aber das ein mit akademischen Würden ausgestatter Bischof und Kardinal nicht dazu in der Lage ist! Kannste dir gar nich ausdenken!