Gerade las ich etwas zur Exegese. Sie liegt ja im Argen. Mechanistisches Schriftverständnis und ein Mangel an solider philosophischer Vorarbeit über Offenbarung sind schon lange ein Hindernis. Es gibt neuere Versuche, die Väterexegese zu beleben und so den vierfachen Schriftsinn wieder einen Platz zu geben. Großartig dazu Lubacs Exégèse médiévale. Papst Benedikt hat in seinen Jesus-Büchern weitere Impulse hierzu gegeben. Insbesondere wie die Erkenntnis der historisch-kritischen Exegese ein Zugewinn sein können, ohne die Väterexegese aufzugeben.
Mir scheint für unsere heutige Zeit ein inhärentes Problem mit dem sensus spiritualis zu geben. Der geistliche Sinn (Allegorie, Tropologie, Anagogie) strebt zu einem theoretischen Konstrukt. Damit wird nur ein Problem der Offenbarungsproblematik gelöst, nämlich das epistemologische. Es wird klar, worin der Sinn besteht. Aber das ist eine rein intellektuelle Erhebung im Geist. Wir Papst Gregor sagt, erheben wir uns zu Gott. Was noch fehlt, ist die Gegenbewegung. Das Geschaute muß auf den Boden geholt werden und in uns Fleisch annehmen. Diese Dimension der Exegese fehlt noch. Wir können das nur schwerlich einholen. Der Mensch vor unserer Zeit atmete noch in und durch Geschichte. Es war ihm klar, wie das Fleisch werden kann. Sein Strebevermögen war deutlich und hat so seine Form und Richtung bekommen. Unsere Postmoderne hat diesen Drang nicht mehr. Die Exegese kann nicht prägen, da das Werden in und durch Geschichte heute verflüchtigt ist. Dabei liegt der Sinn in aller Exegese, die eine Geschichte Gottes in meine Heilsgeschichte zu bringen. Der Mensch, der keine Frage nach der Heilsgeschichte hat, kann noch und nöcher sich in Beschauung der Heiligen Mysterien begeben. Er findet nichts. Vielleicht leuchtet auch alles ein, was die Väter zusammengetragen haben. Aber es bleibt veraltet. Die Väter sprechen in ihre Zeit hinein. Wir müssen in unsere Zeit hineinsprechen. Und da liegt das Problem. Da muß dran gearbeitet werden. Erst dann kann Exegese fruchtbar werden.
Zusammengefaßt: Die Aufgabe der Exegese ist nicht, die Methode der Väter zu reanimieren. Die Aufgabe der Exegese besteht darin, die Vaterschaft der Väter im Heute zu leben. Das ist keine Methodenfrage, sondern eine existenzielle Frage von Glaube und Offenbarung. Wenn wir das gelöst haben, dann lösen sich alle anderen Probleme, die wir als Kirche heute haben auf.