und wöllte gerne einfach mal schweigen können. Doch dieser Weckruf für 2017 hat Potential, ein paar andere Beobachtungen ans Tageslicht zu bringen. Dieses zumindest theoretisch unterzeichenbare Schriftstück hat eine Art Vorwort und drei Themenbereiche mit Spiegelstrichen. Zählt man die zusammen, kommt man auf 21 «Thesen» ;-) . Ich möchte nicht alles kommentieren. Ich greife mir einzelne Punkte heraus und möchte am Ende ein paar Beobachtungen daraus ableiten.

Einleitung
Der Grundton heißt Vertrauen und wird garniert mit Romtreue und einem Synchronismus: Lutherjahr 2017 und so eine Brücke zur Reformation. Die Eröffnung mit «ubi Petrus, ibi Ecclesia» entbehrt nicht einer gewissen Komik, ja fast schon ein Klamauk. Der Synchronismus funktioniert eben nicht. Mir ist daher auch völlig schleierhaft, was «Reformation reloaded» bedeuten soll. In der Bedeutung als Synchronismus erscheint mir das als rhetorisches Mittel, was ein paar Oktaven zu hoch angesetzt wurde. Als ekklesiologische Größe dagegen geht es fehl (ecclesia semper reformanda). Wer darauf mit «ubi Petrus, ibi Ecclesia» antwortet, der befindet sich in Gefahr Einheit und Einförmigkeit ineinander fallen zu lassen. Und das ist ein echtes Problem. Ein ganz großer Punkt, der die volle Einheit in der hierarchischen Gemeinschaft der Kirche verhindert (Stichwort: Pentarchie und orthodoxe Kirche).

I. Ein guter und rechtgläubige Papst
Grundton heißt hier Barmherzigkeit und daraus folgen bestimmte Forderungen. Also mit der Barmherzigkeit ist das so eine Sache. Und ich denke, daß da Papst Franziskus wirklich einen guten Job macht, denn die allererste Voraussetzung liegt im Bekenntnis: Ich habe gesündigt. Papst Franziskus beginnt immer damit, zu sagen, daß er ein Sünder ist. Er will mit diesem Beispiel voran, sodaß andere es ihm gleich tun und ihr Handeln mit dem Bekenntnis, ein Sünder zu sein, beginnen. Leider zieht dieses Vorbild wenig Kreise. Die meisten gehen sofort zur Barmherzigkeit über. Doch die Heilsgeschichte beginnt nicht mit dem opus restaurationis, sondern mit dem opus conditionis. Wer die Geschichte mit der Erdsünde nicht richtig erfaßt hat, der ist gar nicht in der Lage, den Rückweg zu begreifen. Und das ist hier genau der Fall: Das Problem der Sünde wird aufgelöst in – wieder ein Synchronismus – vorschnelle Verurteilungen, Verrohung der Sprache und der Sitten, grenzenlosen Egoismus. Das sind rein weltimmanente Probleme. Und dazu noch typisch deutsche.

II. Nichts als eine Kampagne
Das eigentliche Kernstück nun. Es werden die Dubia erwähnt, die katholische Publizistik und jeweils dazugehörige Personenkreise. Der erste Satz schon leuchtet mir nicht ein. Die Kirche hat gar keine Kompetenz irgendwelche «Tore der Barmherzigkeit» zu öffnen. Barmherzigkeit ist das Heilshandeln Gottes. Die «Reaktion« auf die «existenziellen Probleme der Gläubigen» hat nur Gott. Die Kirche hat darauf keine eigene Antwort. Was soll sie dann öffnen? Der einzig mir plausible Vorwurf hieße dann – etwas spitz gesagt -, daß die Kirche einen Obex vor Gottes Gnade geschoben hätte.
Der vierte Punkt, Menschen, die die vorgetragenen Dubia für legitim halten, in die Nähe von Pharisäern zu rücken, halte ich für eine Katastrophe. Im letzten Punkt wird das «den Glauben abgesprochen zu bekommen» betrauert und hier wird selbiges den vermeintlichen Anklägern untergeschoben. Da ist ein ganzer Balkon im eigenen Auge. Und für einen Christen, der mit ganzer Sehnsucht vorbehaltlos nach Christus dürstet, gibt es keine größere Beleidigung, als ein Pharisäer bezeichnet zu werden. Einerseits sind es die Pharisäer, die gerade nicht ihr peccavi sprechen, also nichts von Jesus zu erwarten haben; andererseits die, die Jesus mit ihren Fragen Fallen stellen. Etwas schwächer als der Pharisäervorwurf wirkt die Selbstvergewisserung, daß man selbst katholisch und papsttreu sei (zu ergänzen ist, da antithetisch formuliert, natürlich: und ihr nicht). Geradezu lächerlich ist der Vorwurf, daß die Thematik um das Apostolische Schreiben künstlich warm gehalten und ihren Ursprung bloß in einer propagandistischen Kampagne (gegen Papst Franziskus) hätte.
Ganz nebenbei werden auch noch ein paar schöne Schubladen präsentiert (populistisch, konservativ, liberal, weichlich, rigoristisch, rubrizistisch). Nur wie das mit der Selbstbehauptung von radikaler Barmherzigkeit als Antwort auf vorschnelle Verurteilungen zusammen gehen soll, verbleibt rätselhaft. Ein ganzer Balkon!

III. Christus ähnlich, weil unbequem
Einen Grundton erkenne ich hier nicht. Nur ein Bündel unausgegorener Suggestivfragen, die nicht viel gemeinsam haben und die bloß durch gleichförmige Satzeinleitungen mit pathosgeladenem «Wir» zusammengebunden scheinen. Grotesk mutet der letzte Satz an. Unbequem darf wohl nur der Papst sein.

Allgemeine Anmerkungen: Wer die Verrohung von Sprache und Sitte beklagt, sollte sich überlegen, ob er nicht selbst diese doppelte Etikette einhalten sollte. Stilistisch ist der Text präpotent. Für Publizisten keine gute Werbung. Inhaltlich ist der Text nicht gut ausgearbeitet. Das Verhältnis von «Was» und «Wie» ist schlicht unangemessen. Dann ist der Text nicht kohärent und im eigenen Anspruch an sich nicht konsistent. Oder anders gesagt: Das ist nicht geeignet, um seinen Namen darunter setzen zu können. Erst recht nicht, wenn man in einem publizistischen Kreis unterwegs ist.

Beobachtungen
Sehr augenfällig erscheint mir, daß AL sehr wohl zu Spaltungen führt. Was die angemessene Antwort der katholischen Publizistik darauf ist, steht auf einem anderen Blatt. Nur hier verstoßen Publizisten formal und inhaltlich gegen ihre eigenen Maßstäbe und werfen «den anderen» eben dies vor. Ich meine: Ein Fall von Realitätsverweigerung.
Auf der etwas distanzierteren Ebene sehe ich drei Dinge:
a) Die Lesart dieses Pontifikates, im Sinne der Autoren, ist nicht weltkirchlich, sondern deutsch. Alles, was der Papst sagt, hat seinen Bezug nur zu Deutschland. Das wird klar, wenn die Sündigkeit des Menschen zur Sündigkeit des Deutschen wird (vorschnelle Verurteilungen et cetera).
b) Daran schließt sich eine andere Frage an: Worin äußert sich die Sündenproblematik in Deutschland? Es reicht dabei nicht, einige Symptome zu benennen. Die (Grund-)Lage des Zeitgeistes muß diskutiert werden. Sonst kratzt alle Diagnostik nur an der Oberfläche.
c) Der deutsche, katholische Publizist scheint in seinemHerzen ein Sozialdemokrat zu sein. Papst Franziskus wird gewissermaßen zur Stimme des Volkes erhoben (oder wie ich es nennen würde: Klassensprecher statt Lehrer). Wenn über AL eine Diskussion zu führen ist, dann über die zuständigen Autoritäten. Und das sind die deutschen Bischöfe. Aber das ist nicht ausreichend. Die Lehre der Kirche liegt im Apostolischen Zeugnis. Dieses Zeugnis ist eines und hat seinen authentischen Ausdruck in ihrer jeweiligen Zeit. Die Bischöfe legen dieses Zeugnis für unsere Zeit aus und daher sind sie die Lehrer der Kirche. Doch diese eine Lehre, die sie vortragen, ist selbst nur authentisches Zeugnis, wenn sie im Leben des einzelnen Gläubigen ausgedrückt wird. In diesem Sinne ist die Lehre «von unten». Die Alternative, die in Deutschland so beliebt ist wie nie, ist die Verordnung «von oben». Doch katholisch ist nur das et…et: von oben und von unten zugleich.

Zynischermaßen zugegeben: Wenn die sich selbst als rechtgläubig erklärende katholische Publizistik eine Lanze für Papst Franziskus bricht und Solidarität qua Amt mit ihm einfordert, dann bin ich gespannt in welchem Jahrtausend die gleichen Leute ein ähnliches Schriftstück für Paul VI. und seine Enzyklika Humanae Vitae aufsetzen werden…