Bischof Oster ist sehr präsent auf Facebook und haut da Text am laufenden Fließband raus. Vieles davon seht dann auch zur Diskussion und findet Kritik. So auch diesmal von Ludger Schwienhorst, Prof. für AT in Wien. Dabei geht es um die Rolle der Erfahrung als Kern des christlichen Glaubens. Das finde ich sehr anregend und wichtig, da es hier wirklich um den Kern christlichen Glaubens geht. Zu der Antwort von LS gab es eine Ergänzung/Rückfrage von Bischof Oster. Grund genug, mich zu positionieren. Hier die Fragen:

– Differenz zwischen Theresa von Avila und buddhistischer Meditation
– falls der anfängliche Erfahrungshorizont gleichartig wäre, wie ginge es danach weiter mit dem Blick auf Christus (Schema: Natur <-> Übernatur)
– Frage nach dem inhaltlich Eigenen (dem Proprium) als spezifische Erfahrung, die nur der Heilsraum der Kirche hat

Der ganze Raum der Fragen enthält höchste Brisanz. Hier wird das spezifisch Christliche faßlich. Und das steht quer zum durschnittlichen Menschenbild. Folgendes:

Kern des Glaubens ist unbestritten das Paschamysterium, also Leiden, Tod, Auferstehung (und Kommen) des Deus Incarnatus. Doch als reine inhaltiche Bestimmung reicht das nicht aus. Das Mysterium ist auch von der Art und Weise her bestimmt, und darin findet sich die bleibende Differenz. Jesus hat das Leiden auf sich genommen, ist gestorben. Er starb als Schwacher. Wir sagen oft: Jesus ist auferstanden. Das hört sich an, als ob Jesus sich selbst aufgerichtet hat, von selbst aufgestanden ist. Doch die Auferstehung ist Handeln Gottes, ist Passivum Divinum! Jesus hat sich gerade nicht selbst erlöst. Von daher ist die Wirklichkeit der Erlösung als Handeln an mir und nicht Handeln von mir ausgewiesen. Sie kommt von außen. Und daher ist sie hereinbrechende Wirklichkeit, ungeschaffene, nicht von Menschenhand hervorgebrachte Wirklichkeit. Der Weg der Erfahrung ist nicht selbstgemacht. Erfahrung findet sich nicht im Innen des Menschen, sondern dringt von außen nach innen. Ich halte es auch nicht für klug, Augustinus zum Advocaten eines Primats des Inneren zu machen.

Das semantische Konstrukt von Natur und Übernatur bestimmt das Verhältnis von menschlicher Präposition und göttlicher Gegenkunft (man könnte sogar ziemlich passend von Niederkunft reden). Im Buddhismus gibt es keine hereinbrechende Wirklichkeit eines göttlichen Logos. Der Kosmos bildet dort eine Einheit und Ganzheit ohne Transzendenz dieses Logos. Der Logos ist demnach bereits immer inkarniert und immer immanent. Somit kann von außen gar nichts hereindringen, denn es gibt kein Außen. Die Sinnrichtung von Gebet ist auch grundlegend anders: christlich vom Innen des Menschen nach außen, buddhistisch vom Innen des Menschen zum gestaltlosen Innen des Kosmos. Ziel des Buddhismus ist die Ent-Werdung, das Abstreifen der Geschichtlichkeit, das Aufgehen im Nicht. Die Nichtigkeit des Kosmos bricht herein und zwar von innen.

Der Unterschied bleibt von der Herkunft des Hereinbrechens. Die Erfahrung der Nichtigkeit des Kosmos (das ist ja nichts Schlechtes!) macht der Mensch selber bzw. den Hereinbruch dessen führt er selbst herbei. Es gibt eben hinter dem Kosmos keinen Creator spiritus als Motor der ankommenden Wirklichkeit. Etwas plastischer ausgedrückt: Beten im christlichen Sinne geschieht im Hl. Geist und ist Synergon von Mensch und Gott. Dieser ist der Raum des transzendenten Logos, und zwar als Deus Incarnatus im Menschen! Beten im buddhistischen Sinne ist kein Synergon, sondern Ent-werdung des spezifischen Innen hin zu einem immanten Alogos. Man könnte auch sagen antliztloses Beten.

Für den Erfahrungshorizont ergibt sich ein Gemeinsames: das Sein zum Tode. Doch bereits dort scheidet sich der Horizont. Denn für den Buddhisten ist dieses Sein zum Tode ewig, ein Kreislauf, dem es zu entrinnen gilt. Das Sein zum Tode ist immanent. Transzendenz hieße Ausbruch aus diesem Kreislauf. Diese Erfahrung ist anders qualifiziert: Entweder ewig immanentes Vergehen oder Transzendenz. Unser christlicher Erfahrungshoriziont sagt dagegen, daß die Transzendenz in die Immanenz hereinbricht. Oder wie Bischof Oster sagen würde, die Übernatur komme der Natur hinzu. Oder vielleicht noch besser: Die Natur werde zur Übernatur verwandelt (der wunderbare Tausch).
Was das für den weiteren Erfahrungsbezug bedeutet, daß das spezifisch Christliche da rein komme? Nun das ist genau der Querstand zur Moderne und die Brisanz des christlichen Glaubens. Einen auf ewig inkarnierten Logos kann quasi jeder bejahen (auch wenn er das anders nennt). Aber einen zugleich transzendenten Logos, der hereinbricht in den Kosmos, will man nicht so leicht akzeptieren. Denn dieser macht den Menschen klein. Der Weg zur Selbsterlösung wird versperrt. So betrachtet ist der Knackpunkt das trinitarische Erfahren (nicht nur Denken!). Wir verstehen Liebe und Erlösung trinitarisch. Selbstliebe führt nicht zu Erlösung. Auch Liebe zu einer antlitzlosen Immanenz führt nicht zu Erlösung; ist Ausbruch, nicht Einbruch. Zusammenfassend gesagt: das Spezifische ist das Passivum Divinum und die trinitarische Perspektive, die uns selbst mithinein nimmt, uns vergöttlicht.

Die Frage im Kontext der Kirche ist höchst gefährlich. Gerade das angeführte Zitat von Augustinus führt in ein falsches Kirchenbild. Augustinus redet hier nicht von Kirche! Er redet vom siebten Schöpfungstag, vom Tag des Herren, von der Vollendung des Kosmos.
Eine inhaltiche Bestimmung der Kirche als Heilsraum des Innen verkehrt das Wesen der Kirche und bringt sie gerade auf die nicht inhaltiche Ebene eines bloß blassen rhetorischen Stilmittels! Was meine ich: Die Kirche ist trinitarisch umrissen und so Teil des Synergon, aber auch Teil des Außen, der hereinbrechenden Transzendenz. Ihr Dienst ist das Kommen der Basileia zu verkünden, anzuzeigen, weiterzugeben. Die Kirche bricht mit herein. Einfacher gesagt: Christus bricht ein, und die Kirche ist Leib Christi. Eine Verkürzung der Kirche auf das Innen des Heilsraumes Christi ist antitrinitarisch (also häretisch). Das heißt auch, daß es dieses Innen des Heilsraumes nur in Verbindung zum Außen Gottes gibt. Das gibt es auch nicht in zwei Phasen oder Stadien: Kirche gibt es nur als pilgernde und gesandte. Wer nur zur Seelenwellness da ist, der ist kein rechter Christ, verneint seine Taufe (die trinitarisch qualifiziert ist).

Nebenbemerkung: Genau das ist das Problem mit Trauung und Folgeschäden. Die Kirche läßt Leute heiraten, die vor sich das Ja bekennen und von Gott einen Segen wollen. Aber die wollen nicht in den Dienst genommen werden, wollen keine Kirche sein, und erst recht nicht trinitarisch leben. Die Suppe mit Wiederverheirateten haben wir uns daher selbst eingebrockt. Falsche Gnade billig ausgeschenkt und man macht genau das gleiche weiter. Aber andere Baustelle…

Was mir abschließend als möglicher interreligiöser Anknüpfungspunkt erscheint: Kennt der Buddhismus nicht auch das Passivum Divinum in Form der Erleuchtung? Und ist das Licht der Erleuchtung nicht Wirken des Logos, und somit ein trinitarischer Vorgang?