Es wieder soweit: Bischof Oster hat etwas zur Genderdebatte veröffentlicht. Zeit, seine Ansichten zu kommentieren.

Abschnitt 1: Die Voraussetzungen im christlichen Menschenbild

Das Aufbegehren des Menschen gegen Gott, das die Hl. Schrift in den intensiven Bildern vom Sündenfall vielschichtig zeigt, hat zur Folge, dass das gesamte Menschengeschlecht und jeder einzelne Mensch erlösungsbedürftig ist – und mit ihm die ganze Schöpfung.

Auch ohne die Bildwelt des sog. Sündenfalls bliebe der Mensch erlösungsbedürftig, also angewiesen auf Gott. Sünde wird heute als Trennung oder Abkehr von Gott gedeutet. Wer also ohne Sünde wäre, bräuchte auch keine Erlösung. Dabei vermischen sich zwei Konzepte: Sünde hat viel mit Ethik zu tun, also nach dem Verhalten der Menschen. Erlösung beschreibt das relationale Verhältnis zu Gott, also eine Art Soziologie der Gottesunmittelbarkeit. Das Bild des Sündenfalls ist hochgradig mißverständlich, da es die Verfassung des Menschen beschreibt also ein relationales Verhältnis zu Gott. Sünde wie gerade beschrieben und Sündenfall haben nichts miteinander zu tun!

Daher ist der Mensch in dem, was ihn ursprünglich liebesfähig macht, nun zunächst desintegriert. Mit der jetzt vordringlichen Ichbezogenheit statt Gottbezogenheit haben Vernunft, Gefühl und Leiblichkeit (um nur diese drei zentralen Dimensionen zu nennen) ihre ursprünglichste und tiefste Ausrichtung und Verankerung verloren.

Hier scheint das Konzept durch, daß Schöpfung etwas mit Ordnung zu tun hat. Es gibt eine Art Weltgefüge, das Gott und Mensch faßt. Dieses Gefüge wäre durch den Sündenfall auf der menschlichen Seite in Unordnung geraten („desintegriert“). Das Verhältnis hat sich verschoben zum weniger Guten. Das Problem: mit der Unordnung geht auch die Fähigkeit, die Ordnung wiederherzustellen abhanden. Es scheint, als sei der Mensch unfähig. Doch – und das ist sehr wichtig – er ist grundsätzlich schon dazu fähig, aber nicht er allein, sondern nur mit Gottes Hilfe! (Auch bekannt als: niemand kann sich selbst erlösen)
Oster überzieht hier aber etwas. Ausrichtung und Verankerung hat der Mensch nicht gänzlich verloren. Er bleibt „animal rationale“, also gottesfähig im eigentlichen Sinne. Gott bleibt Bezugspunkt (geht gar nicht anders). Ichbezogenheit ist daher nichts negatives und widerspricht auch nicht der Gottbezogenheit. Die Theologiegeschichte zeigt viel mehr: Anthropologie und Theologie „fallen ineinander“. Das eine geht nicht ohne das andere!

Von diesen Voraussetzungen her muss der Mensch also an den Versuchen scheitern, sich sein eigenes Heil-Sein, sein Ganz-Sein selbst herzustellen.

Zwei Bemerkungen: a) das heißt nur, daß es ohne Gott nicht geht! Der Mensch ist schon Teil des Heil-Werdens. b) ich gehe noch weiter und sage, daß kann er letztlich selbst mit Gottes Hilfe nicht: sonst würde er ja wie Gott werden. Die Differenz zwischen Schöpfer und Geschöpf würde aufgehoben.

Abschnitt 2: Leiblichkeit und Kommunikation

Das Kind erfährt sich dabei eben auch in relativer Distanz zu seiner Leiblichkeit.

Auf den Punkt gebracht! Das Entwickeln eines Selbst ist vor allem ein passiver Vorgang. Und in Auseinandersetzung mit diesem Vorgang wird die Relation aktiv. Das heißt auch: Das entwickelnde Selbst ist nicht Souverän seiner Identität. Das Selbst gibt es nicht „an und für sich“, sondern nur im Kontext um sich.

Aus gläubiger Sicht ist Mann-Sein und Frau-Sein ursprünglich so tief in den Plan des Schöpfers eingezeichnet, dass uns geschlechtliche Identität am wenigsten zur Verfügung stehen darf.

Das „Mann-Sein“ und „Frau-Sein“ sind strukturell verfaßte Momente des Daseins, die nicht isoliert betrachtet werden können. Es gibt keinen Mann ohne Frau und keine Frau ohne Mann. Das biologische Geschlecht kann daher nur notwendige Bedingung dieses Daseins sein. Meines Erachtens wird das auch bei Geschlechtsumwandlungen deutlich: ein Mann hat das Frau-Sein in sich integriert und als letzten Schritt ändert er auch das biologische Geschlecht (geht ja nicht wirklich, sondern nur unvollständig und kosmetisch). Das gilt auch umgekehrt von Frauen und Mann-Sein.
Mann-Sein, Frau-Sein ist daher aber nichts was in sich gegeben ist, sondern im Zueinander, im Umfeld, in der Relation stattfindet. Daher ist es ein relationales Problem!

Fühlten wir uns berechtigt, ein negatives Urteil über den Wunsch nach Geschlechtsumwandlung zu fällen bei einer Frau, einer Spitzensportlerin, die von früher Kindheit an und ohne ihre Zustimmung systematisch mit männlichen  Hormonen behandelt wurde, um ihre Leistungsfähigkeit zu verbessern? Und die sich nun im Erwachsenenalter unumkehrbar in einem Leib vorfindet, der mehr dem eines Mannes als einer Frau ähnelt? Hier ist um des einzelnen Menschen willen im Urteil ein hohes Maß an Sensibilität nötig.
Wir sehen: Die gebrochene Welt führt uns in Situationen, in der es immer neu gilt, den Einzelfall abzuwägen

Hier zeigt sich der Denkfehler: die gebrochene Welt könne durch die Handlungen des souveränen Menschen ganz gemacht werden. Irrtum! Das wäre Selbsterlösung. Das ist genau die Situation des Sündenfalls. Egal ob Umwandlung oder nicht: die Situation bleibt gebrochen.

Abschnitt 3: Leibliche Kommunikation und Identität

Aber Leib, Gefühl und Vernunft sind jetzt in neuer Weise ausgerichtet und befähigen den Menschen immer mehr ein Leben zu führen, das dem Willen Gottes entspricht – wie er in der Schrift und im Glauben der Kirche zum Ausdruck kommt.

Obacht, hier wird Sünde und Sündenfall verknüpft!

Abschnitt 4: Sex und Gender

Das „werde, der du bist“ wird mit ermöglicht und von mir mitvollzogen, weil es den Spielraum gibt, sich zu mir selbst gelingend oder misslingend zu verhalten.

Ich kann nur wiederholen: Der einzelne Mensch ist nicht ausschließlicher Souverän dieses Prozesses!

Auch die von dieser Richtung dann geforderte Dekonstruktion herkömmlichen Geschlechterverständnisses steht dabei unter dem Vorzeichen der Konstruktion

Jo, wieder getroffen! Die Genderverfechter machen genau das, was sie kritisieren.

Und schon ein oberflächlicher, pädagogischer Blick auf Entwicklung von Sexualität zeigt wenigstens deren Plastizität: Sie kann verwahrlosen  auch im Blick auf die Richtung ihres Begehrens (z.B. durch übermäßigen Pornokonsum) oder sie kann reifen (z.B. durch ein intensives Ringen um die Gestalt gelebter Sexualität mit dem einen Partner)

Bäm! Wieder versenkt. Interessant, daß er „übermäßigen“ schreibt. Genau so siehts aus. Und dieses Ringen kann einem die (Amts-)Kirche nicht abnehmen!

Sie versuchen damit zugleich nicht nur die Grundlagen für geschlechtliche Identität für Mann-Sein und Frau-Sein auszuhebeln, sondern ineins damit die von der Schöpfungsordnung vorgegebenen Grundlagen für Vater-Sein, Mutter-Sein und Familie-Sein.

Und hier wird nochmal deutlich: Mann-Sein hat etwas mit Vater-Sein zu tun und das hat wiederum mit Familie-Sein zu tun und das geht nun mal ohne Geschlechtlichkeit nicht.

Soweit unmittelbar zum Text. Vieles gefällt mir. Teilweise fehlt mir die klare Trennung von Sünde und Sündenfall. Und was mir als Christ ganz deutlich fehlt: Wo Gott, da die Liebe, und wo die Liebe, da das Leben. Ein Christ darf nicht nur von Erlösung reden, sondern muß sich auch spürbar als erlöst zeigen. Wie bei dem Baum mit den Früchten: An den Früchten werdet ihr sie erkennen. Ich nehme den Genderleuten einfach nicht ab, daß es ihnen gut geht.