„Die Sünde wird gefesselt durch die Taufe, und das Reich Gottes wird aufgerichtet.“
Martin Luther

Im Vorfeld der Ostertage, in der österlichen Bußzeit, lädt so mancher Priester einen höflich ein zu der Osterbeichte. Gut gebeichtet und dann kann man (erst) richtig Ostern feiern. Doch ich muss sagen, dass ich den Sinn der heutigen Beichtpraxis vor Ostern und auch sonst nicht so ganz nachvollziehen kann. Gerade an diesem Osterfest bei gleichzeitigem Lesen des Römerbriefes ging mir auf, dass ich es nur nicht nachvollziehen kann, sondern dass hier auch ein ungeschnittener Wildwuchs existiert.

Heutige Praxis

Der Mensch ist ein Sünder. Weil er eben Mensch ist und auch als Christ Mensch bleibt, bleibt er auch als solcher sündig. Daher bedarf er der Lossprechung seiner Sünden wie Jesus es getan hat. Selbstverständlich gibt es daher das Sakrament der Buße und der Umkehr. Um ein Fest nun „von Sünden rein“ zu feiern, sollte man vorher beichten. Anlass ist also die Reinheit von Sünde.

Was ist Sünde?

Sünde ist alles, was von Gott und den Menschen trennt. Die Beziehung zwischen Gott und den Menschen wird durch die Sünde gestört oder im schlimmsten Fall zerstört. Sündenfreiheit bedeutet also, dass die Beziehung Gott-Mensch oder Mensch-Mensch ungestört ist.
Die Sünde des Adams war die, dass er sich von Gott abwandte und sein eigener Herr sein wollte – leben ohne Gott. Die Übertretung des Verbotes war nicht so wichtig. Es geht viel mehr um die Beziehung zwischen Gott und Adam. Gott der immertreue findet sich von Adam getrennt vor, weil Adam es so wollte. Darin liegt der Sündenfall. Denn jeder Mensch hat die Neigung dazu, sich von Gott zu trennen. Deshalb ist der Mensch immer sündig bzw. ein Sünder.

Was bedeutet es, wenn Jesus Christus am Kreuz für unsere Sünden gestorben ist?

Früher ging man (in der Theologie) davon aus, dass die Missachtung des Gebots der Sündenfall war. Gottes Gebote missachten erzürnt ihn und Jesus Christus ist die Versöhnung im „neuen Gesetz“: Liebt einander wie ich euch geliebt habe. Die unendliche Beleidigung des Menschen an Gott wird durch die unendliche Wiedergutmachung Gottes selbst wett gemacht.
Dieses theologische Schema greift ja wie schon erwähnt zu kurz, weil es ja nicht erkannt hat, was Sünde ist. Sünde ist nicht die Beleidigung Gottes, sondern die Trennung von ihm. Jesus Christus hat also die Trennung des Menschen von Gott aufgehoben, wenn er die Sünde „wiedergutmacht“.  Der Mensch bleibt ja aber immer noch Sünder, auch wenn er Christ ist. Was bewirkte denn der Kreuzestod in dieser Hinsicht? Paulus schreibt im Römerbrief, dass Christus die Wirkmächtigkeit der Sünde gebrochen hat. Der neue Mensch in Christus (also der getaufte Christgläubige) wird durch seine Sünde nicht mehr von Gott getrennt, denn er hat sich bewusst dazu entschieden an Christus zu glauben und sein Liebesangebot anzunehmen. Er lebt ja täglich in der ungebrochenen Christusbeziehung. Und das geht nur, weil Christus den Menschen trotz seiner Sündhaftigkeit heiligt, ihn für Gott bereitet. Die Beziehung zu Gott wird durch die Sünde nicht mehr gestört.
Paulus benutzt dafür die Chiffren Tod und Leben. Tod ist die Trennung von Gott, Leben die unmittelbare Nähe zu Gott. Christus ist daher der Lebendigste von allen, den er selbst ist Person in Gott. Näher an Gott zu sein als selbst Gott zu sein, geht nicht. Der Kreuzestod war die Trennung von Gott. Gottesferne tut sich kund (zB in der Sonnenfinsternis). Aber selbst am Kreuz ist er ja Gott nicht fern. Und darin liegt die erlösende Kraft des Kreuzestodes: Trotz eigentlicher Gottesferne ist er Gott ganz nahe. Er hat den Tod überwunden und ist Auferstanden zum (ewigen) Leben.
„Jesus ist gekommen, damit wir das Leben haben und es in Fülle haben.“ Genau dieses hat sich am Kreuz erfüllt. Mit der Beziehung zu Christus als neuer Mensch (Taufe) haben wir die Fülle. Der Tod hat keinen Stachel mehr (Korintherbrief). Die Sünde hat die Fähigkeit verloren, uns von Gott zu trennen. Das ist das große Skandalum des Kreuzes. Deswegen feiern wir den Tod Jesus als den größten Sieg.

Bedeutung für die Beichtpraxis

Da wir als getaufte Menschen von Christus her geheiligt werden und in dieser Beziehung leben, bedarf es eigentlich keiner weiteren Sündenvergebung. Alles trennende hat ja Christus schon aufgehoben. Eine (Oster-)beichte, wie sie momentan empfohlen wird, ist somit geistiger Dünnpfiff. Und trotzdem hat die Beichte, gerade eine Osterbeichte ihren tieferen Sinn. Er liegt nur schon lange in der Kirchengeschichte zurück:
Während der Christenverfolgung im römischen Reich am Ende des 3. Jahrhunderts gab es Christen, die dem Staatskult gedient hatten, sich also abgewandt hatten von dem christlichen Kult. Sie hatten sich damit aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen. Es war also eine sichtbare und bewusste Trennung von der Gemeinde. Das ist definitiv Sünde. Und diese hatte ihre trennende Kraft nicht verloren, weil sie eine Absage an den Christusglauben war.
Als diese sogenannten Lapsi wieder zurückkehren wollten in die Gemeinschaft (nach der Christenverfolgung), gab es nun das Problem, dass sie sich ja bewusst und sichtbar getrennt hatten. Bei Jesus gibt es aber im Verzeihung der Sünden und Umkehr. Also musste ein Weg gefunden werden, wie diese wirkmächtige(!) Sünde genommen werden konnte. Es ist daher  klar, dass hier ein Sakrament passiert. Denn nur Christus kann Sünden vergeben. Es muss ein sichtbares und bewusstes Zeichen gegen die Sünde sein. Daher gehört zur Beichte (auch noch heute) ein sichtbares Zeichen, um das Trennende wiedergutzumachen (sog. Ablass).
Durch die Beichte wird also die Gemeinschaft mit den Menschen (und auch mit Gott) wiederhergestellt. Nur dann ist wahrhaftig Communio (also Mahlgemeinschaft der Menschen untereinander in Gott) möglich. Die Eucharistiefeier ist das Mahl der Versöhnten. Nur wer miteinander versöhnt ist, kann dieses Mahl auch als solches feiern.
Die Osterbeichte war (und sollte sein) also die Möglichkeit sich wieder in die Gemeinschaft eingliedern zu lassen. Ostern als Fest der Versöhnung, also der „Gemeinschaftwerdung“, ist dann auch der richtige Anlass zur Beichte. Daher auch eine österliche Bußzeit. Umkehren, um das Geschenk der Gemeinschaft der Menschen in Gott empfangen zu können.

Neue, alte Praxis?

Heute kann also die (Oster-)Beichte genau dieser Schritt für Menschen sein, die sich sichtbar und bewusst von der Gemeinschaft der Menschen in Christus entfernt haben. Also für Leute, die ihr Eheversprechen gebrochen haben oder die sich weigern ihren Beitrag zu leisten (Kirchensteuern, etc.) oder sich vom Herzen her Gott und den Menschen verschlossen haben. Quasi für alle Leute, die sich wie Adam verhalten (haben) und sich von Gott bewusst getrennt haben. Ich plädiere daher wieder für eine Praxis, die sich an der Lapsifrage orientiert. Momentan wird sich da aber wohl nichts ändern. Mir scheint es so, als ob die allermeisten Priester sich noch nie gefragt haben, was in der Beichte wirklich passiert und was mit jenen Paulusworten im Römerbrief gemeint sein könnten. Es wird Zeit für ein bisschen mehr Praxisreflektion und dessen konkrete Anwendung.
Wenn also ein Priester wieder von der Osterbeichte schwärmt, darf man zurücklächeln und mit Augenzwinkern sagen: „Nein, danke!“