“Inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te, Domine” - Augustinus

Am vergangenen Wochenende fand das Jugendfestival des Bistums Fulda statt. Ich möchte hier kurz den Anbetungsabend beschreiben und näher ausführen, worauf es eigentlich dabei ankommt. Der Festivaltag begann nachmittags mit einem Konzert der Band Sternallee. Nach dem Abendessen gab es einen Anbetungsabend. Dieser Abend wurde von der Band begleitet. Nach einem längeren Input von Weihbischof Diez wechselten sich immer wieder Impulse und Gesang ab, bis zu einer stillen Zeit eingeladen wurde. Im Anschluss gab es den Segen. Eigentlich ein normaler Gebetsabend. Doch was ist denn eigentlich normal?

Bei der (eucharistischen) Anbetung geht es einzig und allein um das “Hinaufschwingen”, das Erheben, des Herzens zu Gott. Man stellt sich unter den liebenden Blick Gottes. Der Mensch steht unter der Gegenwart Gottes im himmlischen Chor der Engel. Er ist vor Gottes Angesicht und erfährt daher seinen Schutz, seine Güte und seine Liebe. Um vor Gott stehen zu können, muss man aber wie Gott sein. Denn vor Gott kann nur etwas bestehen, dass wie Gott ist. Was vor Gott nicht bestehen kann, ist die Schuld und die Sünde. Sie ist die Gottesferne und muss daher weg sein. Diese Hindernisse müssen also verschwinden. Normalerweise hat man ja nicht gebeichtet direkt vor so einem Abend. Aber Gott lädt uns trotz unserer Sündhaftigkeit ein (das gilt übrigens immer). Da nun aber kein Widerspruch bleiben darf, passiert mit dem Menschen etwas. Er wird einem “Fegefeuer light” unterzogen. Die Last der Sünde wird von ihm genommen (ist also keine Beichte/Sündenvergebung). Und es geschieht noch mehr: Die Ängste, Sorgen, Nöte, Schmerzen, etc. werden wie die Last der Sünde nichtig. Alles wird nichtig außer einer Sache – die Liebe. Gott ist die Liebe und daher bleibt vor Gott nur die Liebe bestehen. Bei dem Fegefeuer light fallen die Schutzhüllen und Panzer des Lebens ab. Wir werden verwundbar und daher äußert sich unser Körper durch (heftige) Emotionen. Beispielsweise weint jemand oder schreit oder klagt oder wird gar ohnmächtig. Das ist natürlich nicht schlimm, sondern im Gegenteil: Es ist heilsam. Um dieses Ziel zu erreichen, muss das Herz bereitet werden. Es muss zum Sender und Empfänger werden, um Gottes Liebe zu empfangen. Und dieses Bereiten ist gar nicht einfach. Gerade für ungeübte Menschen ist es sogar sehr schwer. Wenn wir es aber geschafft habenm, Gott  in unser Herz herein zu lassen, dann spüren wir seine Herrlichkeit. Die Gegenwart Gottes wird erfahrbar. Es ist wie Mose vor dem Dornbusch: Er ist der “Ich-bin-da”. Doch wie erreiche ich das?

Zum Bereiten des Herzens gibt es verschiedene “Katalysatoren”, die wirklich so wirken. Sie sind stets Mittel, um uns bereit zu machen. Allerdings werden sie nie zu einem Zweck. Anbetung wird oft von Musik und Impulsen begleitet. Das sind solche “Kats”. Impulse, die von Jesus erzählen, seiner Liebe, von Heiligen, die in der Anbetung Gott erfahren haben oder andere Geschichten, die von Gottes Herrlichkeit zeugen. Die Musik nimmt als Kat eine besondere Stellung ein. Sie ist ein Teil des Lobpreises der himmlischen Chöre und Herrscharen. Gott wird gepriesen. Anbetung ist also immer auch Abglanz der Herrlichkeit Gottes. Das, was wir später hoffentlich alle mal bei Gott tun werden. Gesang ist damit sehr gut geeignet, um unser Herz zu bereiten.
Dann gibt es oft noch andere “Stationen”: Brief an Gott schreiben, Tauferneuerungen, Bibelzitate, etc. Diese Kats finde ich zwar grundsätzlich gut, aber sie eröffnen auch Gefahren. Und zwar lenken sie bei übermäßigem Gebrauch von der Anbetung ab. Dann wird aus diesen Kats eine Formsache. “Alle Stationen abgehakt, der Abend kann zu Ende gehen.” Dieser “Stationismus” lädt quasi zur Ablenkung vom Zentrum ab. Das gilt zwar auch für Musik oder Impulse, aber auf andere Weise. Der Stationismus suggeriert, dass man an dem Abend etwas “vollbracht” habe oder dann endlich sich “besinnt” habe. Man hat dann eigentlich alles gemacht – außer Anbetung. Der Abend läuft in die falsche Richtung, Ziel verfehlt.
Ebenso ist die Musik ein Ablenkung. Sie ist sogar der Hauptfaktor (behaupte ich einfach mal), um von Gott abzudriften. Ich habe es ganz oft erlebt, dass nach 5 Minuten knien und fokussieren des Allerheiligsten (oder – ohne Aussetzung – des Kreuzes oder einer Ikone) sich die Versammelten gesetzt haben und nur der Musik gelauscht haben und mitgesungen haben. Grundsätzlich ist da ja nichts dagegen einzuwänden. Aber man kann dort ganz genau sehen, dass etwaige Personen nicht Gott angeschaut haben, sondern den Raum inspiziert haben. Die Musik hat hier die Stelle Gottes eingenommen. Das Mittel wird dann zum Zweck. Schöne Melodien und Texte berühren das Herz sehr und überfluten uns auch mit Emotionen. Aber es verlässt die Ebene Gottes. Wir singen dann für uns, nicht für Gott. Man könnte auch “Highway to hell” singen. Besonders bewusst wird mir das im Kino. Die Filmmusik versucht, in uns eine maximale, emotionale Bindung zu schaffen. Das ist nicht gut. So werden wir manipuliert. Und das auch noch freiwillig und unterbewusst. Durch unterbewussten Musikgenuss – auch außerhalb von Kino, Fernsehen, etc. – verlieren wir zunehmend die Fähigkeit still zu sein. Dabei braucht der Mensch diese Stille. Er muss sich sammeln, sich reflektieren und sich selber aussetzen. Prozesse des Menschseins, die sich in der Stille vollziehen, bleiben aus. Daher ist Anbetung ohne Musik für viele gar keine richtige oder “gute” Anbetung. Der persönliche Zugang funktionert scheinbar nur mit Musik. Diesen Wandel halte ich für sehr gefährlich und schädlich.
Ganz deutlich wird dieser Zusammenhang mit Ruhe. Beim eingangs angesprochenen Gebetsabend war genau das zu beobachten. Impulse und Musik haben sich abgewechselt. Beim vierten Impuls schaltet der Kopf ab. Man kann gar nicht so viel verarbeiten bzw. nachvollziehen und dann auch noch die Musik, die man auch begreifen will. Es kommt erst keine Ruhe hinein. Das Herz kann nicht zur Ruhe kommen, weil Musik und Text nicht verarbeitet werden können. Und so vergeht aber Zeit wie im Flug. Eine Stunde vergeht schnell. Es schließt sich die Stille vor dem Segen an. Das Herz kann endlich verarbeiten und zur Ruhe kommen und sich dann auch erst zu Gott erheben. Nach und nach spürt man dann aber eine Unruhe. 5 Minuten Stille kommen vor wie 2 Jahre. Das ist eine Folge der Zerstörung der Stille im Allgemeinen. Und dieser Prozess schreitet voran! Wir sind nicht am Ende, sondern eher noch am Anfang.

Also lasst uns Anbetung halten und die Stille suchen, unser Herz zu Gott erheben!