Auf YouTube sehe ich ein Video an von Tichys Einblick. Ich schätze Tichy und seine Arbeit sehr. Besonders diese Interviews haben einen großen Reiz. Nun bin ich vor allem auch ein ökonomisch interessierter Mensch. Daher würde ich sogar soweit gehen und sagen, die Fähigkeit Statistiken zu lesen und zu interpretieren ist eine Kernkompetenz unserer Zeit. Das jüngste Interview mit Markus Krall (29.12.19) lehrt mich aber eines besseren: Es braucht mehr als nur mathematisches Handwerkszeug und ökonomisches Verständnis. Es braucht Philosophie. Man kommt ohne Philosophie nicht weit.

Herr Krall redet da schon recht zügig vom Zins als «Zeitpräferenz». Das würde uns vom Tier unterscheiden. Der Hund kann sich die Wurst nicht verkneifen, er würde sie in einem Rutsch wegfressen. Wir Menschen dagegen können über die Zeit denken und auch mal den Wurstkonsum beschränken. Nun kommt der Zins dazu: Die Gesamtmenge an Wurst hat sich im Vergleich zum Hund erhöht, da Wohlstand hinzugekommen ist. [These 1]
Hinzu tritt nun das eigentliche Problem unserer Zeit, nämlich die Nullzinspolitik der EZB. Denn dadurch geht die Zeitpräferenz flöten und der Mensch würde daher zum Hund, also alles auf einmal wegputzen, und würde dadurch auf die Wohlstandsgewinne verzichten. Und das wäre so unserer Problem.

Dann geht’s weiter zur Wohlstandsmehrung. Der Wohlstand wächst nicht durch Investitionen (sonst hätten die Russen uns ja abgehängt), nicht durch Angebotssteigerung («Keynesianische Einbildung»«Fetisch»), sondern durch technischen Fortschritt. So sei die Nummer richtig. [These 2]
Genauer gesagt, so Krall, es wäre der Unternehmer, der einen Bedarf bei den Leuten entdecken täte und diesen dann durch seine Tätigkeit decken würde.

Bei dieser Sicht hängt vieles schief. Es wundert einfach nur, wie man so etwas sagen kann. Da fehlt Logik.
Die These 1 von der Zeitpräferenz unterliegt dem Fehlschluß des cum hoc ergo propter hoc. Man könnte auch sagen, daß Korrelation und Kausalität verwechselt wird. Die Zeitpräferenz des Menschen liegt nicht am Zins. Ja noch schlimmer. Die Biologie kennt auf Wurstwaren Negativzinsen in Form von Haltbarkeitsdaten. Das Zeug schimmelt einfach über Zeit. Es gibt nicht per se eine Wertsteigerung/-stabilität/-minderung über Zeit. Das hängt von der jeweiligen Sache ab. Die Gründe der Zeitpräferenz sind anderer Art. Dazu zählt z.B. Planungssicherheiten oder Minimierung von Ausfällen oder Verlusten. Und manche Ökonomen würden sogar die These unterstützen, daß der Zins viel eher die Planungssicherheit, usf. spiegelt. Je höher der Zins, desto unsicherer die Planung, desto stärker der Verlust, wenn es Verlust gibt (Risiko), usw.
Mit dem Zins gibt es dabei ein grundlegendes ökonomisches Problem: Man muß Geld und Tauschgüter voneinander trennen. Die Relation zwischen beidem nennen wir Preis. Über den Zins kann die Geldmenge in einem bestimmten Betrag wachsen. Bei stabilen Preisen muß die Menge der Tauschgüter im gleichen Maß wachsen. Wenn nun die Menge der Tauschgüter mitwächst, bedeutet dies noch lange nicht mehr Wohlstand. Etwa wenn die Bevölkerung, auf die sich die Menge der Tauschgüter verteilt, stärker gewachsen ist als der Zins, dann hat sich der Anteil für den Einzelnen verringert. Man kann daher noch keine Aussage aus dem Zins ableiten, ja nicht einmal aus der Menge der Tauschgüter.

Damit sind wir auch schon bei These 2 angelangt. Bedarf an Gütern, der durch Unternehmer mittels technischen Fortschritt bedient wird, bedeutet Wohlstandsmehrung. Hier kommt flaches Denken ins Spiel. Für ihn gilt: Güter=Wohlstand. Die Gleichung stimmt aber nicht. Nicht alle Güter sind wichtig. Nicht alle Dinge, die auf dem Markt zu kaufen sind, haben etwas mit Wohlstand zu tun. Die Frage lautet: Was ist Wohlstand?
Eben weil diese Frage in Geldflüssen gemessen wird, spart man sich die Auflösung in konkrete Güter. Aber was steht konkret diesem Geld gegenüber? Und ohne Zweifel gehört so etwas wie Wohnung, Hausstand, usw. dazu. Aber gehört zweite Fernseher dazu? Gehört die Weihnachtsdeko dazu? Was ist mit dem 30. Paar Schuhe?
In der Ökonomie kennt man den Grenznutzen. Die Güter sind nicht nur relativ zu einander ungleich, sondern innerhalb ungleich. Das erste Paar Schuhe hat einen höheren Wert als das zehnte, selbst wenn das zehnte zehnmal teurer ist.
Ich sag’s nochmal kurz: Bullshit in Maßen genossen ist immernoch Bullshit. Wertlose Güter sind auch in großer Menge immernoch wertlos. Also: Was ist Wohlstand?

Übrigens ein Stichwort zur Geldtheorie: Wenn die Geldmenge gedeckt ist, dann entspricht die Werthaltigkeit des Geldes dem konkreten Sachgut, womit das Geld gedeckt ist. Wenn die Deckung konstant ist, dann wachsen nur die Zahlen auf dem Papier, nicht in der Realität, weil die Sachwerte gleich bleiben. – Wenn nun die Geldmenge nicht gedeckt ist, dann ist die Sachlage noch viel unklarer, weil nicht mal ein Sachgut dem Geld entspricht, gar keine Werthaltigkeit dahinter steckt. In diesem Fall funktioniert Geld, weil die Leute es akzeptieren und Vertrauen in Währung haben. Beim gedeckten Geld dagegen funktioniert es, weil ein Sachgut dahinter steht.
Nehmen wir an, daß es sich um eine konstante Deckung des Geldes handelt und die Menge der Tauschgüter wächst. Was ist dann der Fall? Gibt es mehr Wohlstand oder nicht? Antwort: Vielleicht. Das weiß niemand. Es kommt darauf an, was Wohlstand bedeutet.

Noch ein anderes Stichwort: Arbeit. Wohlstand durch Arbeit. Die meiste Arbeit ist status quo erhaltend. Arbeit ist nicht immer Zuwachs an Wohlstand. Arbeit ist nicht gleich. Es gibt Dinge, die bringen voran, es gibt Dinge, die erhalten, es gibt Dinge, die verschwenden.
Arbeit wehrt sich vor allem dagegen, daß die Dinge vergänglich sind. Wer nicht arbeitet, der verwittert, der erodiert, der löst sich auf.