Seit einigen Jahrzehnten geht die historisch-kritische Exegese umher. Sie wird als Exegese bezeichnet, ist aber im Prinzip Kaffeesatzleserei. Wer dann von einer wissenschaftlichen Exegese spricht, der kocht auch gerne eine wissenschaftliche Bolognese. Was heißt das? Man hat nach Rezept gekocht. Oder anders gesagt: Man hat alles getan, um seine Personalität aus dem Geschehen auszuklammern. Man verschwindet hinter seinem Werk und eigentlich hätte auch ein Roboter das für einen ausführen können. Was unter dem Namen wissenschaftliche Exegese läuft, ist eine entseelte, entkernte Methode, die in keinster Weise Sinn erschließend ist.

Dahinter steckt ein Phänomen, was ich schon bei dem Deutschunterricht beobachtet habe: ein Gedicht wird analysiert, aber nicht auswendig gelernt und vorgetragen. Die Bolognese wird gekocht, aber nicht serviert und gegessen. Man hat dem Kunstwerk, das ist es letztlich, das Fenster zur Seele, seinen Platz genommen. Es gibt keinen Vollzug mehr und damit keinen Widerhall, den es in meinem Inneren, in meinem Herzen auslösen kann. Ein Liebesbrief erschließt sich mir nur, wenn ich liebe. Wenn die Poesie in mir etwas auslöst und mich singen macht, dann erst verstehe ich sie. Vorher ist es bedeutungsleeres Geschwafel. Diese Dimension fehlt der Exegese durchweg. Daher läßt sie völlig kalt und bedeutungslos.

Exegese im richtigen Sinne heißt: Mit seinem Herzen ein Wegstück an der Seite Jesu entlang gehen. Denn Jesus ist das Wort Gottes. Das Lesen der Schrift und damit das Verständnis der Schrift soll zum brennenden Herzen der Emmausjünger führen. Es soll eine Umkehr auslösen. Die Buchstaben sind nur der Zunder dazu. – Das Wort Gottes muß einen Platz in meinem Leben haben, damit es Sinn hat. Sonst ist es wertlos.