Nach dem gestrigen Artikel ging ich mit der Meinung, wichtiges und geistreiches entdeckt zu haben. Doch eigentlich wurde mir die Sache nur verwirrter und rätselhafter. Ich saß noch ein bißchen herum und betrachtete, was ich so in meiner Freizeit an Handwerk und Kunst in den eigenen vier Wänden fabriziert habe. Ich kam beim Nachdenken nicht weit. Ist es zu nah dran? Was für eine Bedeutung hat das Wort «Privatgebrauch»? Meine Tagebücher sind im striktesten Sinne privat. Aber auch meine Briefe sind alles andere als öffentlich. Meine Gebrauchsgegenstände haben da schon weiteren Charakter angenommen. Aber öffentlich ist das auch noch lange nicht.

Noch mehr aber verwundert mich die Sache mit der Öffentlichkeit. Ja, die Privatsammlungen wurden demokratisiert. Aber schauen wir in die Architektur, in die Kunst vor der Renaissance, in die Kirchen und die herrlichen Gemälde und Kunstwerke, die die biblia pauperum darstellen, dann sehen wir: das war alles schon demokratisiert. Es gab dieses Element vorher. Es war öffentlich und nicht privat. – Frappierenderweise hat sich dieser Sachverhalt nach wie vor nicht geändert. Die Herrlichkeit der gotischen Kathedralen ist genauso wie vor einem Jahrtausend. Die Andachtsbilder der Kirchen sind genauso zugänglich wie damals. Aber sie dringen nicht mehr durch. Die Architektur spricht nicht mehr. Sie läßt kalt. Aber auch wiederum nicht. Wenn ich in eine große Kathedrale einziehe, dann packt es mich. Wenn ich den Weihrauch rieche und sich das Volk erhebt, dann erhebt sich mein Herz mit und ich weiß mich in der Nähe des Hochzeitsmahles der Endzeit. Mich geht es völlig an, während mein Nase popelnder Nachbar völlig kalt bleibt.

Zeigt das eine Verschiebung an? Was unterscheidet das ergriffene Kirchenvolk des 13. Jahrhunderts von den Museumsmassen des 20. Jahrhunderts? Der Öffentlichkeitscharakter scheint es gerade nicht zu sein. Der Vollzug dagegen ist gänzlich anders. Oder ist es eine Öffentlichkeit anderer Art, die Öffentlichkeit vor Gott? Der geistliche Mensch übertritt mit er sichtbaren Schwelle des Kirchenportals eine unsichtbare Schwelle der geistlichen Schöpfung. Sein Herz sieht anders als der Museumsmensch. Dieser sieht nur die sichtbare Schwelle und es gibt gar keinen Unterschied eines Vorher und Nachher des Übertritts.
Ja, das scheint der plausible Grund zu sein: Nur wer sich vor dem Angesicht Gottes weiß, den kann die sichtbare Welt zur unsichtbaren führen. Die Kunst hat nur ihren Vollzug, wenn sie uns vom sichtbaren ins unsichtbare emporhebt. Eine Kunst ohne Gott ist nicht möglich. – Ist das einmal ausgesprochen, so wundert’s uns nicht: gilt das doch auch für das Wahre und das Gute. Also auch für das Schöne!