Vor einiger Zeit hatte ich eine kleine Exkursion in die Kommentarfunktion bei Facebook. Selten nehme ich an solchen Sachen teil. Diese Ausnahme war aber doch etwas zu verlockend. Eine Bekannte wollte sich distanziert wissen von religiösen Inhalten und trug das offen zur Schau. Da ich weiß, wie sie musikalisch so unterwegs ist, fragte ich nach, wie sich das mit einem Selbstverständnis von Bach und anderen vertragen täte. Immerhin waren das tief religiöse Menschen und haben Musik genau aus diesem Grunde vorgelegt. Das wurde nicht mal bestritten. Ich hatte schon mit dem Adjektiv «zeitbedingt» gerechnet. Aber nein. Es ging nur darum, sich von der Religion zu emanzipieren. Naja. So ungefähr. Sie sprach der Musik Schönheit und Objektivität zu. Jedoch jenseits von Religion. Okay. Den Widerspruch darin sah sie nicht ein und als es dann kurz vor ad hominem war, brach ich ab. Ich möchte dabei nicht ihre Scheinemanzipation besprechen. Das ist nicht so interessant. Man sieht es ja ständig. Aber mir fiel wiedermal etwas interessantes auf: Man kann Musik vom Vollzug lösen. Das ist die Keimzelle des Kulturprotestantismus.

Mir fiel es auch neulich auf, als ich in einem Konzert war, Streichtrio, und meist klassischen Stücken lauschte. Es hatte etwas furchtbar langweiliges. Ich erinnerte mich an Michael Quell in der Musikstunde über Neue Musik. Wenn er eine Sonate hört, geht im Kopf nur: Tonika, Tonika, Dominante, Tonika, … – Es war einfach deutlich zu langweilig und vorhersehbar. Ein bißchen schöne Melodien, ja, okay, sei es zugestanden. Aber das Material ödet als simples Handwerk an. Es ist nicht lebendig. Ob das mit Neuer Musik besser gelungen ist? Ich lasse das mal so stehen. Aber die Kritik stimmt auf jeden Fall. – Bei dem Konzert gab es nur ein Stück, was mich letztlich mehr packte: Als Zugabe gab es ein Menuett. Und das war anders. Denn es hatte einen Vollzug. Man tanzt ja darauf. Gut, hier wiederum nicht, wir saßen ja. Aber es ist für den Tanz geschrieben. Und daher hatte es eine andere Dynamik als die anderen Stücke.

Wenn heute von historischer Aufführungspraxis geschrieben wird, dann sind meistens historische Instrumente und alte Stimmungen gemeint. Aber sie ist nicht in dem Sinne historisch, daß sie in dem Kontext aufgeführt wird, wozu sie geschrieben wurde. Die Loslösung aus dem Kontext war mir schon oft begegnet. Das Verdi-Requiem ist definitiv kein Requiem, was aufgeführt wird als Ordinarium eines echten Requiems. Es ist reine Konzertmusik. Nur der Unterbau ist religiös. Das Mozart-Requiem hat dagegen noch das Potential, in der Liturgie benutzt zu werden. Ähnlich ist das auch bei der Mass for Peace von Jenkins. Es ist ein liturgischer Unterbau, der nie in der Liturgie Platz hat. Während das Mozart-Requiem noch seinen liturgischen Ort hatte, sind Verdi und Jenkins gar nicht für die Liturgie gemacht.
Das ist doch sehr bedenklich. Die Musik wurde erst von der Liturgie ausgelöst und in den Konzertsaal verfrachtet, dann wurde sie ganz von der Liturgie entfernt und bereits als Gattungsbegriff verwandt, dessen Ort aber je und je der Konzertsaal war. Für uns ist diese Fragestellung von höchstem Interesse! Wie gerne wird über die Versackung der liturgischen Musik geredet! Und es geht dabei immer um Rockmusik, die sich in die Kirche einschleicht. Wir datieren das Problem daher auf die Zeit, in der die E-Gitarre die Bühne betritt. Oder man nenne es die berühmte Klampfenmesse aus den 60ern und 70ern. Doch das Problem der Musik in der Liturgie ist viel älter. Es fällt nämlich zwischen dem Mozart-Requiem und dem Verdi-Requiem. Oder wir denken an das Deutsche Requiem von Brahms. Wo gehört das hin? Das ist doch bereits religiöser Unterbau, aber letztlich doch bereits säkular dargebracht.

Das führt zu einer weiteren Frage. Wir datieren mal zwischen Mozart und Verdi. Da kam z.B. Mendelssohn-Bartholdy. Er steht für die Bach-Renaissance. Sein Stil lehnt sich auch dort an und seine geistlichen Werke, die zweifelsohne große Werke sind, führen das schon fort. Doch was heißt Bach-Renaissance? Seine Werke wurden aufgeführt. Aber in der Art, wie Bach aufgeführt wurde, als Bach selbst sie aufführte? War nicht bereits in der Zeit das gravierende passiert, daß man den Vollzug ad acta legte und in den Konzertsaal, das Museum für Orchester, hineinverfrachtete? – Ich meine, so erging es ja vieler Musik. Wozu dienen die Coronation Anthems von Händel, wenn kein König gekrönt wird? Dann kann man die ja nicht aufführen. Auch das war ja ein sakraler Vollzug (heute ist es ja die UEFA Hymne…).
Zugleich tritt eine andere Form der Emanzipation hinzu. Schauen wir auf Bach, so sehen wir kirchliche Ziele. Er komponierte die Kantate entlang den Sonntagen des Kirchenjahres. Schauen wir auf Haydn, so hat er für den Hof komponiert, also für das weltliche Pendant. Aber wie ist das bei den anderen? Wir schauen die Verschiebung zur Oper. Ihr Adressat ist weder Gott oder der Machthaber, sondern das Volk. Es setzt eine Demokratisierung der Musik ein. Für wen schrieb Brahms sein Requiem? Es war keine Auftragskomposition. Mit dieser Verschiebung hat sich die Metaphysik der Musik geändert. – Denken wir an das Requiem. In seiner liturgischen Funktion ist es die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit, mit der eigenen Vergänglichkeit. Aber ausgelagert im Konzertsaal, ohne den schützenden Raum der Liturgie, löst es nichts mehr aus. Es ist seiner Bedeutung beraubt und statt Liturgie ist es Kultur in seiner schlimmsten Form: Unterhaltung. So wie ein Andachtsbild, was nicht mehr zur Andacht genutzt wird, sondern bloß zur Illustration. Der ganze genuin kontemplative Charakter, der die inneren Akte der Hinordnung auf das Bedeutsame des Lebens, d.h. Gott, ermöglicht, ist futsch gegangen. Es ist eine Form des toten Kunstwerkes, was nie für einen Vollzug gemacht wurde, sondern für das Museum hergestellt wurde.

Der Tod des Kunstwerkes ist so gravierend, weil es nicht mehr spricht. Es ist bar seiner Bedeutung. Es bereichert nicht mehr meine Welt, dringt nicht mehr bis zu meiner Seele durch. Es kann daher nicht mehr verändern. Es läßt mich kalt. Dabei ist es eigentlich ein Fenster zu meiner Seele. So wie man durch ein Glasfenster aus dem Raum herausschaut und die Welt sieht, so ist das Kunstwerk ein Fenster in meine Innenwelt. Wenn wir es recht bedenken, dann merken wir, daß Jünger das vor nicht ganz hundert Jahren auch schon fühlte. Das Museum ist schon Symptom dieser Entwicklung. – Das Museum unterstützt dabei übrigens die Demokratisierungsthese. Die Museen entstanden aus Privatsammlungen, die meist als Vermächtnis der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Ähnlich war es bei zoologischen und botanischen Gärten. Das ursprüngliche Anliegen war die Erforschung der Tiere und der Pflanzen. Sobald die Tore für die Öffentlichkeit geöffnet werden, sind es Zentren der Unterhaltung, quasi Infotainment, wie man das heute sagt. Ein Zoobesucher mag zwar interessiert sein, aber er forscht nicht im eigentlichen Sinne. Kontemplation ist Erforschung des Geistes. Der Museumsbesucher ist ebenso interessiert, kann aber gar nicht forschen. Wieviele Andachtsbilder kann man denn hintereinander verarbeiten? Genau eins! Danach ist Schluß. Der Geist ist müde. Ein Museum kann daher niemals auch nur ansatzweise eine Andacht bieten.

Zudem findet sich noch ein Gedanke bei Chesterton dazu: Man hat den Vollzug an Professionelle ausgelagert. Und das hat Bedeutung. Der Vortrag steht im Vordergrund, nicht der Vollzug. Das Publikum begutachtet die technische Dimension der Aufführung, d.h. die Performance im strengen Sinne. Dagegen ist familiäres Singen von Weihnachtsliedern an Heiligabend etwas zutiefst Gegenkulturelles. Jedoch ist die Kultur da bereits versackt. Auch da interessiert die technische Qualität und nicht das Lied selbst. Es packt nicht mehr. Es ist schon tot. Das gilt ja für das Weihnachtslied wie für das Menuett. Die Trennscheide liegt nicht zwischen sakral und profan, sondern wo ganz anders. Daher ist es schwer zu fassen.

Meine These dazu ist, daß die Kultur und ihr Vollzug aus dem häuslichen Feld in die Öffentlichkeit verlagert wurde. Singen, Tanzen, bildende Kunst hatten ihren Ort in der Familie. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wanderte es zaghaft aus in die Öffentlichkeit und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es bereits aus den Häusern verschwunden. – Die Frage lautet daher: Wir kriegen wir die Menschen dazu, in ihren Häusern, zu singen, zu tanzen und Bilder zu integrieren?

Appendix:
Übrigens hat das radikale Verwerfungen in der Charakterentwicklung. Das Kunstwerk, ob Musik oder Bild, ist dazu geschaffen, den Geist zu weiten und zu entführen in die Welt der Seelen. Die Schule, die eine Bildinterpretation lehrt, aber nicht in die Kontemplation einführen kann, ist eine seelische Vergewaltigung. Sie schafft Hohlkörper. Es fehlt die Seele in den Dingen.