Kardinal Marc Ouellet hat auf die zweite öffentliche Wortmeldung von Erzbischof Carlo Maria Viganò reagiert. Momentan steht mir nur eine englische Arbeitsübersetzung von Edward Pentin zur Verfügung. Sie sollte dennoch genügen, um ein bißchen Licht auf das Theaterstück zu werfen, was gerade im Vatikan aufgeführt wird. Ouellet bezieht sich dabei direkt auf die letzte Wortmeldung. Ich möchte daher ein bißchen unter die Lupe nehmen, was er sagt, und viel mehr, was er nicht sagt. Denn das ist meist das interessantere. Ich zitiere und kommentiere fließend; Unterstreichungen sind von mir. Meine Beobachtungen:

 

Dear Brother Carlo Maria Viganò,
In your last message to the media, in which you denounce Pope Francis and the Roman Curia, you urge me to tell the truth about facts that you interpret as an endemic corruption that has invaded the hierarchy of the Church to its highest level.

So beginnt die Antwort. Drei Dinge fallen mir ins Auge. An wen hat Viganò seine Wortmeldungen adressiert? Hier heißt es media, also die Nachrichten im weiteren Sinne, die Presse. Stimmt das? In einem technischen Sinne sicherlich. Aber Adressat waren nicht die Medien selbst, sondern die Kirche. Das macht einen Unterschied. Als ginge es darum, mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Darum geht es Viganò nicht. Wieso auch? Das Motiv, was Ouellet ausmacht, sehen wir später. Dann geht es um das Aussprechen der Wahrheit über Fakten. Ja genau, das war das Ziel. Einfach die Fakten auf den Tisch zu legen. Daran müssen wir messen: Was sind die Fakten? Darüber hinaus geht es aber Ouellet nicht bloß um Fakten, sondern um deren Interpretation. Das heißt, die Fakten sprechen nicht für sich. Mögen die Fakten von jeder Seite akzeptiert sein, so kommt es wohl doch auf die Interpretation an. Ouellet schließt sich nicht der Interpretation Viganòs an. Er hebt damit die Frage von der Ebene der Fakten auf die Ebene der Interpretation.
Bereits im Ansatz sieht man hier, daß Ouellet an Viganò vorbeireden möchte. Bereits im ersten Satz gibt er eine andere Ausgangslage an. Er markiert ein anderes Spielfeld. Darauf wird sich Viganò wohl kaum einlassen.

With due pontifical permission, I offer here my personal testimony, as prefect of the Congregation for Bishops, on the events concerning the Archbishop Emeritus of Washington Theodore McCarrick and his alleged links with Pope Francis, which are the object of your vehement public denunciation as well as of your demand that the Holy Father resign. I write this testimony of mine on the basis of my personal contacts and the documents in the archives of the above mentioned Congregation, which are currently the object of a study to shed light on this sad case.

Der zweite Teil des ersten Absatzes gibt die Grundlage der Datenbasis wieder. Ouellet sagt, aufgrund persönlichem Kontakt und aufgrund der Dokumente in den Archiven der Bischofskongregation schreibt er diesen Brief. Darauf wird also sein ganzes Zeugnis beruhen. Nun, das ist schon klar, daß da nichts daraus werden kann. Denn der Fall McCarrick insofern er ein Mißbrauchsfall ist, hat rein gar nichts mit der Bischofskongregation zu tun. Wenn überhaupt hätte er etwas mit der Glaubenskongregation zu tun, weil dort die Mißbrauchsfälle behandelt werden. Aber selbst das wird nicht reichen, da die Glaubenskongregation nur bei Mißbrauchsfällen gegenüber Minderjährigen zuständig ist. Die entscheidenden Anschuldigungen gegen McCarrick, die zu dessen wirklichem Fall geführt haben, wurden erst möglich, als Minderjährige betroffen waren. Vorher ging es um Seminaristen, d.h. um erwachsene Männer. Diese Anschuldigungen wurden schlicht nicht vom Vatikan verfolgt. Boniface Ramsey, der das im November 2000 bereits gegen McCarrick vortrug, stieß dabei auf taube Ohren. Er bezeugt, mit Kardinal Sean O’Malley, Kinderschutzbeauftragter des Vatikans, darüber geredet zu haben. Dessen Reaktion: Keine Kinder, also nicht mein Zuständigkeitsbereich. – Was also die Bischofskongregation angeht, so ist das eine Nebelkerze.
Die Bischofskongregation wird für die Causa McCarrick nur insofern interessant, als McCarrick als Kingmaker gilt, d.h. daß die Kardinäle Tobin und Cupich Folge von McCarricks Einfluß waren. Darüber können wir etwas erfahren. Ebenso wie es sein kann, daß McCarrick über so lange Zeit nach oben in der Hierarchie gelangen konnte. Aber das sind jeweils verschiedene Fälle, die darin einig sind, daß sie mit dem zentralen Vorwurf von Viganó nichts zu schaffen haben.

Allow me to tell you first of all, in all sincerity, by virtue of the good relationship of collaboration that existed between us when you were nuncio to Washington, that your current position seems to me incomprehensible and extremely reprehensible, not only because of the confusion that it sows among the people of God, but because your public accusations seriously damage the reputation of the Successors of the Apostles. I remember a time when I enjoyed your esteem and confidence, but I observe that I have lost in your eyes the dignity you placed in me, for the mere fact of having remained faithful to the directions of the Holy Father in the service that he entrusted to me in the Church. Is not communion with the Successor of Peter the expression of our obedience to Christ who chose him and supports him with His grace? My interpretation of Amoris Laetitia, which you complain about, is inscribed in this fidelity to the living tradition, of which Francis has given us an example with the recent modification of the Catechism of the Catholic Church on the question of the death penalty.

Konfusion, Verwirrung. Ouellet sagt, daß Viganòs Aussagen Ursache der Verwirrung ist. Das stimmt nicht. McCarrick ist die Ursache der Verwirrung. Und die Aussagen Viganòs stellen einen wesentlichen Beitrag dar, diese Verwirrung zu lösen. Denn Viganò verweist auf Fakten und fordert, daß diese ans Tageslicht kommen. Was soll daran Verwirrung sein? Im Licht der jüngeren Papstgeschichte wird diese Aussage Ouellets sehr finster. Dubia-Anfragen bleiben unbeantwort. Das ist Verwirrung! Amoris Laetitia führt zu unterschiedlichen Handreichungen der Bischofskonferenz und der Papst billigt das. Das ist Verwirrung! Der Papst sägt wortlos Amtsträger ab. Das ist Verwirrung! Der Papst schweigt sich gegenüber den Anschuldigung Viganòs aus. Das ist Verwirrung!
Dann geht es um den Schaden der Reputation der Apostelnachfolger. Das gilt nicht für alle. Ganz im Gegenteil. Es geht um ganz bestimmte Nachfolger. Aber wiederum verdreht Ouellet hier die Sachlage. Die Reputation wird beschädigt durch McCarrick und die vertuschenden Bischöfe. Oder wenn Kardinal Cupich sagt, daß der Papst eine größere Agenda hat, die wichtiger ist, als das, was Viganò thematisiert. Diejenigen, die die Wahrheit nicht aussprechen, beschädigen den Ruf. Insbesondere ist es Papst Franziskus selber, der durch sein Schweigen den Ruf des Papstamtes beschädigt.

Nun folgen die Wurmwindungen: Ouellet behauptet, er sei aus der Gunst Viganòs gefallen, bloß weil er seine Amtstreue bewahrt hätte. Schauen wir auf das, was Viganò sagte:

Later, however, when his work as prefect of the Congregation for Bishops was being undermined because recommendations for episcopal appointments were being passed directly to Pope Francis by two homosexual “friends” of his dicastery, bypassing the Cardinal, he gave up.

In der Tat! Viganò wirft ihm Amtstreue vor. Weil diese Amtstreue gar keine Amtstreue gewesen ist, sondern Kadavergehorsam gegenüber dem Papst. Viganò sagt, daß Ouellet in seiner Amtsfunktion kalt gestellt wurde. Dieses Kaltstellen bedeutet für Ouellet Treue zum Papst. Ouellet redet hier eindeutig um den heißen Brei herum! Ja er bestätigt sogar Viganò. Weder widerspricht Ouellet, daß er umgangen wurde, noch daß er sich dagegen gewehrt hat. Ein klassisches nicht Dementi!

Dann die rhetorische Trickkiste: Eine Suggestivfrage! Haben wir es nicht satt? (höhö xD). Im Neuen Testament gibt es einen Streit: Paulus widerspricht Petrus. Warum? Aufgrund seines Gehorsams zu Christus. Stand er damit nicht mehr in der Communio mit Petrus? Gehorsam zu Christus bedeutet insbesondere den Gehorsam zur Wahrheit. Ouellet stellt hier zwei unterschiedliche Sachverhalte als identisch dar. Wenige werden das erste Schema des II. Vatikanums zur Konstitution Lumen Gentium kennen. Christus ist das Licht der Völker. Im ersten Schema stand da nicht Christus, sondern dessen Stellvertreter. Daß dort Christus steht, kommt durch eine Korrektur Rahners (die heute noch einsichtig ist). Das II. Vatikanum wollte den Papozentrismus und die Papolatrie überwinden. Diese Suggestivfrage springt zurück vor Rahners Korrektur.

Die zweite Trickkiste: Ouellet schreibt, Viganò würde sich über die Treue zur lebendigen Tradtition, an die sich Ouellet mit seiner Interpretation zu Amoris Laetitia halten würde, echauffieren. Was schrieb Viganò?

His long article in L’Osservatore Romano, in which he came out in favor of the more controversial aspects of Amoris Laetitia, represents his surrender.

Viganò wirft ihm vor, aufgegeben zu haben. Das zeige sich darin, daß Ouellet die kontroversen Aspekte von Amoris Laetitia unterstützen würde. Die kontroversen Aspekte sind diejenigen, die nach Meinung einiger nicht im Einklang mit dem katholischen Glauben stehen. Nun stimmt Ouellet zu, diese kontroversen Aspekte zu unterstützen. Er sagt aber, daß sie nicht gegen den katholischen Glauben sind, sondern dessen lebendige Tradition. Also wiederum: Ouellet leugnet gar nicht die Faktenlage. Er stimmt ihr sogar ausdrücklich zu. Nun wird es haarig: Die Treue zum katholischen Glauben beinhaltet also die Treue zur lebendigen Tradition, wie Papst Franziskus sie vorlegt. – Es ist einer dieser seltenen Momente, wo einem erst beim mehrfachen Lesen die Kinnlade herunter klappt. Vor 50 Jahren, als Paul VI. Humanae Vitae vorlegte, lebendige Tradition!, hätte man das unter dem Titel Papolatrie abgetan. Ja, gerade das hat man in der Königsteiner Erklärung getan. Es tut beim Lesen weh. – Und ehrlicherweise muß man dabei die Ironie sehen: Treue zur lebendigen Tradition führt in dem Fall zur Untreue gegenüber dem Ehegatten.

Let’s get to the facts. You say you informed Pope Francis on 23 June 2013 about the McCarrick case in the audience he granted to you, as well as to many other pontifical representatives he then met for the first time on that day. I imagine the enormous amount of verbal and written information he had to gather on that occasion about many people and situations. I strongly doubt that McCarrick interested him to the extent that you believe, since he was an archbishop emeritus of 82 years and seven years without a post. In addition, the written instructions prepared for you by the Congregation for Bishops at the beginning of your service in 2011 did not say anything about McCarrick, except what I told you about his situation as an emeritus bishop who had to obey certain conditions and restrictions because of rumors about his behavior in the past.

Es gibt mehr Wurmwindungen. Ouellet referiert zu den schriftlichen Anweisungen aus 2011 der Bischofskongregation. Wie oben gesagt, ist das recht uninteressant. Die waren ja nicht für die Vergehen zuständig. Die Aussage beinhaltet nur, daß die Bischofskongregation nicht an McCarrick interessiert war. Mit dem Papst hat das noch nichts zu tun. Zudem ist die Jahreszahl interessant. Warum 2011? Was sagte denn Viganò?

He will remember when, at the end of my mission in Washington, he received me at his apartment in Rome in the evening for a long conversation.

Das Ende seiner Amtszeit als Nuntius. Das war nicht in 2011, denn da fing er mit dem Amt an, sondern 2016. Ouellet dementiert hier eine Anspruch, den Viganò nie erhoben hat. Vielen Dank für Ihre Frage, ich beantworte eine andere. Ouellet bezieht sich dabei wohl auf die Aussage aus dem ersten Testimonium von Viganò (Seite 4).
Man könnte sogar fast sagen, daß er mehr dementiert, als angesagt war. Es gab keine schriftlichen Anweisungen. Bedeutet das, daß es mündliche gab? Jedenfalls wird das nicht ausgeschlossen. Es riecht nach einer white lie.
Schließlich das Geständnis: Es gab mündliche Informationen über McCarrick. Er hatte bestimmten Bedingungen und Einschränkungen zu folgen. Aufgrund von Gerüchten über seine Vergangenheit. Are you kidding me? Nun eine Frage: Wenn es keine offiziellen Sanktionen gab, sei’s drum!, wieso wußte dann Ouellet, daß es inoffizielle Sanktionen gab? Und woher wußte er, daß die Ursache dieser Sanktionen Gerüchte über dessen Verhalten in der Vergangenheit war? – Halten wir fest: Ouellet wußte von den Gerüchten und wußte von den (inoffiziellen) Sanktionen. Er sagt das offen und unverblümt!

Since June 30, 2010, when I became prefect of this Congregation, I have never taken the McCarrick case to an audience with Pope Benedict XVI or Pope Francis, except in the last few days, after his fall from the College of Cardinals. The former cardinal, who retired in May 2006, was strongly urged not to travel, nor to appear in public, in order not to provoke further rumours about him. It is false to present the measures taken against him as „sanctions“ decreed by Pope Benedict XVI and annulled by Pope Francis. After reviewing the archives, I note that there are no documents in this regard signed by either Pope, nor a note of an audience of my predecessor, Cardinal Giovanni-Battista Re, which would have given a mandate to the archbishop emeritus McCarrick to live a private life of silence, with the rigor of canonical penaltiesThe reason for this is that, unlike today, there was not enough evidence of his alleged guilt at the time. Hence the position of the Congregation inspired by prudence and the letters of my predecessor and mine reiterated, through the Apostolic Nuncio Pietro Sambi and then also through you, the exhortation to live a discreet life of prayer and penance for his own good and for that of the Church. His case would have been the subject of new disciplinary measures if the nunciature in Washington, or any other source, had provided us with recent and decisive information about his behavior. I hope, like so many others, that out of respect for the victims and the need for justice, the investigation under way in the United States and the Roman Curia will finally give us a critical, overall view of the procedures and circumstances of this painful case, so that such events do not recur in the future.

Dieser Abschnitt ist besonders interessant. Es gab keine Audienz zum Thema McCarrick. Warum nicht, sagten wir bereits. Wir müssen mit Augenmerk vorgehen: Es gab keine Audienz. Audienzen sind bestimmte offizielle Anhörungen, die einem festgelegten Protokoll folgen. Nur weil es keine Audienz zu McCarrick gab, heißt es nicht, daß es keine Gespräch mit dem Papst über McCarrick gab. Es gab bloß keine Audienzen im Sinne des terminus technicus. Das Gespür wittert mindestens eine white lie.
Geständnis die zweite: Die Bedingungen und Einschränkungen werden präzisiert. Reisebann und Öffentlichkeitsverbot. Das Leben in Buße und Gebet kommt gleich danach indirekt vor. Also gesteht er nicht nur die Existenz von inoffiziellen Sanktionen, sondern bestätigt sogar ihren Inhalt. Nun kommt ein Lapsus, vielleicht ein freudscher Fehler: the measures taken against him – die inoffiziellen Sanktionen waren keine freiwilligen Vorsätze eines alten Kardinals, sondern waren auferlegte Maßnahmen. Er bestätigt damit die Vorwürfe Viganòs quasi in vollem Umfang. – Daß dabei die Archive dazu nichts hergeben, scheint nicht verwunderlich. Er sagt ja, daß die Maßnahmen nicht offizieller Art waren.
Aber was hat es mit den Maßnahmen auf sich? Nun, sie waren nicht kanonische Strafen, also nicht im Sinne des kirchlichen Rechtes. Schauen wir in aller Kürze im CIC nach, was das bedeutet:

Can. 1312 —§ 1. Strafmittel in der Kirche sind:
1° Besserungs- oder Beugestrafen, die in den cann. 1331—1333 aufgeführt werden;
2° Sühnestrafen, die in can. 1336 behandelt werden

Beugestrafen, auch Zensuren genannt, sind Strafen, die dazu dienen, das Verhalten des Bestraften zu verbessern. Ist das Verhalten gebessert, wird die Strafe aufgehoben. Sie hat ihren Sachgrund verloren. Beugestrafen können also nur verhängt werden, wenn eine Besserung des Verhaltens möglich ist.
Sühnestrafen sind umgekehrt Strafen, wo keine Besserung möglich ist und die im Sinne der ausgleichenden Gerechtigkeit den Rechtsfrieden wiederherstellen sollen. Im weltlichen Recht wäre dies z.B. eine Geldbuße.

Es gibt drei Arten von Zensuren: Exkommunikation (can. 1331), Interdikt (can. 1332) und Suspension (can. 1333). Exkommunikation ist der Ausschluß aus der Gemeinschaft der Kirche, das Interdikt untersagt liturgische Handlungen, die Suspension verhindert die Ausübung von Amtsgewalten.

Also: Diese Mittel wurden offenkundig nicht angewandt. Wieso? Schauen wir in die Strafverhängung nach kanonischem Recht:

Can. 1341 —Der Ordinarius hat dafür zu sorgen, daß der Gerichts- oder der Verwaltungsweg zur Verhängung oder Feststellung
von Strafen nur dann beschritten wird, wenn er erkannt hat, daß weder durch mitbrüderliche Ermahnung noch durch Verweis noch
durch andere Wege des pastoralen Bemühens ein Ärgernis hinreichend behoben, die Gerechtigkeit wiederhergestellt und der Täter
gebessert werden kann.

Bevor ein Strafverfahren bemüht wird, sollen alle anderen Mittel bedient werden. Das umfaßt mitbrüderliche Ermahnung, Verweis oder andere Wege des pastoralen Bemühens. Und hier scheint der Hund begraben zu liegen. Was Viganò unter Sanktionen betitelt, liegt auf der Ebene der Mittel, die vor einem Strafverfahren benutzt werden. Natürlich kommt es dann nicht zu einem kanonischen Strafverfahren, wenn sich der Beschuldigte willig zeigt, sich diesen Mitteln zu beugen.
Übrigens hätte es noch die Möglichkeit gegeben, durch ein außergerichtliches Dekret zu strafen (can. 1342). Davon wurde scheinbar auch kein Gebrauch gemacht. Aber genug für die Exkursion in die Kanonistik.

Die These, daß McCarrick mitbrüderlich ermahnt wurde, bestätigt Ouellet selbst (the exhortation…). Wir müssen sogar sagen, daß die Bischofskongregation für diese Exhortation zuständig war. Ouellet berichtet, daß bei neuer Informationslage man neu Disziplinarmaßnahmen überlegt hätte. Ergo: Man wußte nicht von Kindesmißbrauch, aber sehr wohl von Gerüchten über Mißbrauch mit Erwachsenen. Und man hielt die Exhortation, wie sie Ouellet zugibt, für ausreichend. – In der Tat widerspricht Ouellet damit Viganò in dem Punkt, daß die Sanktionen nicht kanonisch waren, was Viganò ausdrücklich behauptete.

How can it be that this man of the Church, whose inconsistency is known today, has been promoted on several occasions, to the point of holding the highest positions of Archbishop of Washington and Cardinal? I myself am very surprised by this and recognize the shortcomings in the selection process that has been carried out in his case. But without going into detail here, it must be understood that the decisions taken by the Supreme Pontiff are based on the information available at that precise moment and that they constitute the object of a prudential judgment that is not infallible. It seems unfair to me to conclude that the persons in charge of prior discernment are corrupt even though, in the concrete case, some clues provided by the testimonies should have been further examined. The prelate in question knew how to defend himself with great skill from the doubts raised in his regard. On the other hand, the fact that there may be people in the Vatican who practice and support behavior contrary to the values of the Gospel in matters of sexuality does not authorize us to generalize and to declare this or that, and even the Holy Father himself, unworthy and complicit. Should the ministers of truth not, first of all, guard themselves against slander and defamation?

Dieser Abschnitt geht am Thema vorbei. Viganò hat dazu nichts gesagt. Es wird nur eine Nebelkerze in Verteidigung der Kurie gezündet. Und nun wieder die Suggestivfrage am Ende. Übrigens: Spätestens an dieser Stelle wird der Adressat falsch. Ouellet richtete sich am Anfang an Viganò persönlich. Das hier ist somit deplatziert.

Dear pontifical representative emeritus, I tell you frankly that to accuse Pope Francis of having covered up with full knowledge of the facts this alleged sexual predator and therefore of being an accomplice of the corruption that is spreading in the Church, to the point of considering him unworthy of continuing his reform as the first pastor of the Church, is incredible and unlikely from all points of view. I can’t understand how you could let yourself be convinced this monstrous accusation could stand. Francis had nothing to do with McCarrick’s promotions in New York, Metuchen, Newark and Washington. He removed him from his dignity as a Cardinal when a credible accusation of child abuse became apparent. I have never heard Pope Francis allude to this self-styled great adviser of his pontificate in relation to [episcopal] nominations in America, even though he does not hide the trust he gives some prelates. I sense these are not your preferences, nor those of your friends who support your interpretation of the facts. However, I find it aberrant that you take advantage of the sensational scandal of sexual abuse in the United States to inflict on the moral authority of your Superior, the Supreme Pontiff, an unprecedented and undeserved blow.

Eine interessante Anrede! Viganò sieht sich weniger als Vertreter des Papstes als Nachfolger der Apostel.
Nun, die Sache mit der Vertuschung und dem bestem Wissen, das ist für uns nicht wirklich einsichtig. Dazu müßte sich Papst Franziskus selbst äußern. Aber es geht dabei auch gar nicht um das beste Wissen. Der Papst sprach von Nulltoleranz. Die beginnt nicht erst bei erdrückender Beweislast. Das ist das Problem. Wie Ouellet hier schreibt, mußte dazu erst eine glaubwürdige Anschuldigung von Kindesmißbrauch hinzutreten. Was davor war, war wohl noch im Rahmen der (Null-)Toleranz. Wurde McCarrick eigentlich schon laisiert?

Was mich wirklich stört, ist der letzte Satz. Er unterstellt Viganò Vorteile durch den Mißbrauchsskandal, um die moralische Autorität des Papstes anzugreifen. Könnte er auch nur einen Vorteil benennen? Ich finde keinen. Und wie gesagt: Schaut auf die moralische Autorität von Paul VI. und Humanae Vitae!

I have the privilege of meeting Pope Francis for a long time each week, to discuss the appointments of bishops and the problems that affect their government. I know very well how he treats people and problems: with much charity, mercy, attention and seriousness, as you yourself have experienced. Reading how you end your last, seemingly very spiritual message, making light of yourself and casting doubt on his faith, seemed to me really too sarcastic, even blasphemous! This cannot come from the Spirit of God.

Jetzt wird zurückgeschossen: Sarkasmus, gar Blasphemie. Wer den Papst lästert, der lästert Gott! So hoch ist der Papst schon gerückt. Vielleicht ist das die fünfte Person der Trinität (Nummer 4 der Dreifaltigkeit ist übrigens Maria).

Dear Brother, I would really like to help you rediscover communion with him who is the visible guarantor of the communion of the Catholic Church; I understand how bitterness and disappointment have marked your path in service to the Holy See, but you cannot end your priestly life in this way, in an open and scandalous rebellion, which inflicts a very painful wound on the Bride of Christ, whom you claim to serve better, worsening division and bewilderment in the people of God! What can I answer your question if I don’t tell you: come out of your hiding place, repent of your revolt and return to better feelings towards the Holy Father, instead of exacerbating hostility against him. How can you celebrate the Holy Eucharist and pronounce his name in the canon of Mass? How can you pray the holy Rosary, Saint Michael the Archangel and the Mother of God, condemning the one she protects and accompanies every day in his weighty and courageous ministry?

Wieder harte Worte. Warum nicht so harte Worte an McCarrick? Warum nicht so harte Worte an diejenigen, die sich gegen die lebendige Tradition von Paul VI., Johannes Paul II. oder Benedikt XVI. stellen? Hier ist doch reichlich zweierlei Maß am Werk.

If the Pope were not a man of prayer, if he were attached to money, if he favored the rich to the detriment of the poor, if he did not show an untiring energy to welcome all the poor and give them the generous comfort of his word and his gestures, if he did not multiply all the possible means to proclaim and communicate the joy of the Gospel to everyone and to all in the Church and beyond her visible borders, if he did not reach out to families, to abandoned old people, to the sick in soul and body and especially to the young people in search of happiness, perhaps someone else could be preferred, according to you, with different diplomatic or political attitudes. But I, who have known him well, I cannot question his personal integrity, his consecration to the mission and especially the charism and peace that dwell in him by the grace of God and the power of the Risen One.

Ein dreifaches Hipp hipp hurra auf Papst Franziskus! Daß der Papst ein Verteidiger des Glaubens und der Sitten ist, steht hier nicht. Nächstenliebe okay, aber wo ist die Gottesliebe? Das ist zu wenig. Der Papst ist nicht der Alphaalmosengeber.

In response to your unjust and unjustified attack, dear Viganò, I conclude therefore that the accusation is a political set-up without a real foundation that can incriminate the Pope, and I reiterate that it deeply hurts the communion of the Church. May it please God that this injustice be quickly remedied and that Pope Francis continue to be recognized for what he is: an outstanding pastor, a compassionate and firm father, a prophetic charism for the Church and for the world. May he continue with joy and full confidence his missionary reform, comforted by the prayer of God’s people and by the renewed solidarity of the whole Church with Mary, Queen of the Holy Rosary.

Ohne reales Fundament? Nein. Ouellet hat die wesentlichen Punkte zugegeben. Die Anschuldigungen sind gerade wohl fundiert. Wo die Ungerechtigkeit liegt? Sie liegt dort, daß man bei McCarrick weggesehen hat und man immer noch nicht die Vergangenheit umgräbt und die zuständigen Vertuscher bestraft. Das ist ungerecht.

Warum nun dieses Schreiben? Was ist das Motiv von Ouellet? – Ich weiß noch nicht so recht. Der Brief klingt eigentlich als Entkräftigungsversuch. Doch eigentlich hat er fast komplett Viganò recht gegeben. Ist das eine Wendung durch die Blume? Mir scheint es jedenfalls. Viganò forderte ihn als witness to the truth. Und das scheint mir durchaus möglich. – Kardinal Marc Ouellet, ist er der Severus Snape der Kurie? Wir wissen es nicht. Und der Brief ist da nicht eindeutig.