Die gegenwärtige Krise ist aus meiner Sicht keine große Gefahr für die Kirche. Ich meine damit sowohl die Mißbräuche als auch die Vertuschungen. Warum ist das keine große Gefahr? Weil es sich um Sünden handelt. Sünden kann man vergeben. Man kann Akte der Sühne leisten. Sünde ist schlecht, ja, aber man kann mit ihr fertig werden. Vergebung ist eine Realität. In diesem Sinne ist die Krise nur ein Klassiker. Inwiefern meine ich das? Die kirchliche Tradition redet von vier großen Zielen, nach denen Menschen streben und die nicht zu Gott führen: Reichtum, Ehre, Macht und Lust. Quasi alle Krisen, die sich auf diese vier Ziele richten, können vergleichsweise leicht gelöst werden. Und wenn wir so auf die Gegenwart schauen, dann könnte man auch sagen: alle vier Ziele sind im Spiel. Es gibt um Geld (Vatikanbank), um Ansehen (Medienwirkung von Papsttum), um Macht (Bischofssitze, Kardinalstitel, Kurienämter) und Lust (Sex mit Minderjährigen und mit Männern). Das volle Programm an Sünden. Rom, die Hure Babylon. Okay. Hart, aber lösbar. Zu allen Zeiten sind diese Dinge am Werk.

Wo ist das Problem? Diese Krise verdeckt die eigentliche Krise und drängt sie in den Hintergrund. Das stört mich an ganz vielen aktuellen Kommentaren. Die Kommentatoren vergessen, daß auch ohne Skandal die Kirche in der Krise ist. Sie sagen: Ja, die Krise haben die 68er uns gebracht (deutsche Version). Oder: Ja, die Krise ist post-Vatikan II (amerikanische Version). Es fällt in diese Zeiten. Aber da kommen nur die Symptome. Verfolgen wir die Spur, dann sehen wir viele Probleme. Gender? Das ist nicht unser Problem. Wenn diese Ideologie wieder verschwunden ist, dann haben wir noch nichts gewonnen. Wir vergessen, daß Bismarck 1875 die Ehescheidung ermöglicht hat. Das ist unser Problem. Erst wenn wir das geändert haben, dann haben wir was erreicht. Alles, was im Vorlauf dazu passiert, ist nur Augenwischerei.
Vatikan II wollte die Wurzel wieder herstellen. Nicht bloß Symptome verarzten, sondern die Ursachen angehen. Das Konzil war daher Reaktion. Jedes Konzil ist Reaktion. Daher kann man das Konzil nicht für die Ursachen und nicht für die Symptome verantwortlich machen. Wenn wir daher die eigentliche Krise jenseits der vier falschen Ziele anschauen wollen, dann müssen wir vor das Konzil gehen. Es sind so Ereignisse wie 1875, die uns verraten, wo die Probleme liegen. Anderes sind Prozesse wie die Industrialisierung, die wir immer noch nicht ansatzweise verarbeitet haben. Reden Krisenkommentatoren über diese Dinge? Mir ist das jedenfalls unbekannt.

Was ist das Kernproblem der eigentlichen Krise? Im Zentrum liegt die nicht Akzeptanz der Wirklichkeit, wie sie ist. Die Wahrheit wird nicht geachtet, sondern ignoriert. Wenn Wirklichkeit und Urteil über die Wirklichkeit ausnahmsweise einmal übereinstimmen, dann ist das kein Produkt einer Wahrheitssuche, sondern der zufällige Treffer beim Schuß ins Blaue. Das ist die Sachlage. Die sog. akademische Philosophie geht diesen Weg. Deutlich sehen wir das bei der Genderdebatte. Aber wenn man genau hinschaut, sieht man das bereits bei der Ehescheidung. Der Kern des katholischen Eheverständnisses ist nicht Offenbarung, sondern Naturrecht. Die Aufklärer gingen davon aus, daß man mit Vernunft erkennen kann, daß die Ehe unauflöslich und exklusiv ist. Diese zwei Kernelemente sollten für jeden Menschen einsichtig sein. Wenn wir uns der Meinung der Aufklärer anschließen, dann bedeutet die Krise ein Verlust in Bezug zur Vernunft.
Überlegen wir: Nicht die Offenbarung ist das Problem. Ja, gerade überhaupt nicht. Wer Kräuterhexen seine Gesundheit anvertraut, der hat nie ein Problem der Offenbarung. Die Zahlen steigen rapide. Wer Kräuterhexen seine Gesundheit anvertraut, der hat ein Problem mit der Vernunft. Das ist das Problem. Alle Versuche, die Offenbarung apologetisch zu verteidigen, sind demnach überflüssig. Das ist nicht unsere Schlacht im Augenblick. Was wir tun müssen: die Vernunft aufrichten. Apologetik heißt heute Metaphysik. Die Dogmatik ist nicht unser Bier heutzutage. Klar, die Professoren verzapfen dort meist Unfug. Aber: Wer gelernt hat, sein Hirn zu benutzen, der zeigt sich von den Dogmatikern unbeeindruckt. Wer mit Vernunft geimpft wurde, der hat kein Problem mit irregeleiteten Professoren. Er ist immun gegen ihre Pseudolehren.

Die Folge der Mißachtung der Wahrheit: Sünde wird nicht als Sünde benannt. Der Teufel hat keine Realität mehr. Jede Sünde hat ihren Sold. Die primären Folgen sind: Blindheit des Herzens, dann Verhärtung des Herzens, Verlust der Tugenden, schlechte Angewohnheiten, korrumpierende Charakterzüge treten hervor. Das Gewissen wird geschwächt, das Herz wird taub für den Anruf Gottes und schließlich ist das Gewissen völlig tot. Die sekundären Folgen sind die Symptome, die wir sehen. Ehebruch, Diebstahl, Mord, Mißbrauch, Ausbeutung. Die schlimmen Akte, die der Mensch vollbringen kann. Auf der Ebene der Haltung sind es Egoismus, Stolz, Überhöhung, Arroganz, Mißgunst. Natürlich ist das nur eine Auswahl. Und es steigert sich von kleinen Nicklichkeiten zu großen Verbrechen, von harmlosen Lastern zu diabolischen Gewohnheiten.
Der entscheidende Punkt dahinter: Eine Reform der Kirche kann nie funktionieren, indem man die Symptome auskuriert. Das ist im Prinzip die behavioristische These und ein Großteil der Pädagogik, die wir doch so sehr verachten. So ist es eben auch bei dem einzelnen. Was in der Ethik nicht funktioniert, funktioniert in der Politik lange nicht. Erst das Individuum, dann die Gemeinschaft, denn die Gemeinschaft ist Folge des Individuums und nicht dessen Wurzel. Jede Reform kirchlicher Strukturen, ist daher vertane Zeit. Sie hat noch nie funktioniert und kann nicht funktionieren. Die Strukturen sind nicht das Problem.

Reform betrifft also den einzelnen, das inkommensurable Individuum. Wie das? Weil das Ziel der Reform des Menschen, ja, wir Christen wollen eine Reform des Menschen!, ist die Ebenbildlichkeit mit Gott. Der Mensch ist nach dem Bilde Gottes geschaffen. Dieser Ebenbildlichkeit ging er verlustig. Reform heißt dieses Ebenbild wiederzugewinnen. Daher ist es auch klar, daß es der Mensch ist, einzig und allein der Mensch, der reformfähig ist. Nur er kann zurückgebildet werden zur ursprünglichen Gottesbildlichkeit.
Die Sünde verhindert diese Reform. Das muß klar sein. Uns sind dabei die Beträge leider nicht klar, um die es geht. Es sind keine Lappalien. Die Lehre von Humanae Vitae etwa betrifft den innersten Personenkern des Menschen. Wenn die Lehre richtig ist und Kontrazeptiva in sich schlecht sind und daher massive Sünden darstellen, dann haben wir es mit den schwerwiegensten Folgen überhaupt zu tun. Nicht nur weil die Sünde die Ebenbildlichkeit mit Gott zunichte macht. Sie versperrt den Weg zu Gott überhaupt. Der Weg der Heilung wird versperrt. Grundsätzlich.

Was meint das? Der Mensch kann vom Evangelium angetan sein. Er verkauft sein Hab und Gut und alles, was er hat, gibt er den Armen. Er folgt dem Wortlaut des Evangeliums und sieht sich dem Heil nahe. Doch nur in diesem einen Punkt, Kontrazeptiva, folgt er nicht. Und daher folgt Gott ihm nicht. Alles, was der vermeintliche Christ getan hat, war umsonst, vergeblich! Seine Gabe war der billige Versuch, sich das Himmelreich zu erschleichen. Er folgt nicht dem Gebot Gottes, sondern einer unpersönlichen Regel, einem Kadaver. Die Gabe war keine Gabe des Herzens, denn das gehört immer noch dem vermeintlichen Christen selbst. Es war nur eine äußerliche Tat. Die Tat aber, die Christus von uns will, ist das Herz. Er will uns ganz und gar. Weil er unser Herz hat, geben wir ihm alles. Geben wir nicht unser Herz, dann ist alles, was wir geben, sinnlos. Es hat vor Gott kein Gewicht. Unser Herz, da Inbegriff einer unsterblichen Seele, ist unendlich wertvoller als alle sterblichen Dinge.
Es reicht also die Verweigerung der Wahrheit in einem einzigen Punkt, um Gott den Rücken zu kehren. 99,9% reichen nicht, um Gott zu gehören. Entweder man gehört Gott ganz oder gar nicht. Es ist klar: Wir sind Personen. Wir sind Totalitäten. Wenn wir sagen, wir lieben jemanden, dann lieben wir die ganze Person. Wenn wir sie nicht in ihrer Fülle annehmen, nehmen wir gar nicht an. Unsere Liebe ist dann eine Lüge. Eine Wahrheit des Glaubens trotz besseren Wissens nicht annehmen – und alles ist verdorben. Die ganze Wirklichkeit färbt sich in ein künstliches Licht und wird verdunkelt. Ein Kompromiß zwischen Lüge und Wahrheit führt zu lauter Kompromissen mit Lügen und Wahrheit.

Es gibt daher nur eine Lösung der Krise: Sünde als Sünde zu benennen und sich unter den Primat der Wahrheit stellen. Dadurch verschwindet nicht eine Schwierigkeit! Aber keine Schwierigkeit kann einen besiegen. Für jeden Mist gibt es Vergebung. Aber nur wer Vergebung sucht, kann Vergebung finden. Wer seine Sünde entschuldigt, sucht keine Vergebung und dem kann nicht vergeben werden.
Wir brauchen keine Angst zu haben. Wie Chesterton über Father Brown schrieb: Der einzige Detektiv, der den Verbrecher nicht sucht, um ihn zu strafen, sondern um ihm zu vergeben. Und so ist Gott. Er sucht uns, um uns zu vergeben.