Timor Dei initium sapientiae – Die Furcht vor dem Herrn ist der Beginn der Weisheit.

Als Gärtner, der den kranken Baum untersucht und die Spur der Krankheit bis zu den Wurzeln verfolgt und rumwühlt, um die tatsächliche Ursache zu finden, findet man am Baum der Kirche die Ursache von Mißbrauch an der Wurzel: Keine Furcht vor dem Herrn. So ähnlich wie ein Mangel an Nährstoffen, so ist dieser Mangel. Alle Folgeerkrankungen, die Symptome einer tiefer liegenden Krankheit, gehen hierauf zurück. Wer keine Furcht vor dem Herrn hat, der handelt unklug. Ihm fehlt dann die Weisheit. Er kann die Sachverhalte nicht richtig beurteilen und macht Fehler. Kein Wunder also, daß Fehlurteile zunehmen: Personalentscheidungen, Pastorale Entwicklungen, eigene Lebensführung, Umgang mit Schwächen, Umgang mit Verbrechern.

Ein religiöser Mensch, der klar sieht, daß er für seine Taten Rechenschaft ablegen muß vor einem Gericht, dem er nicht entgehen kann und das ihn strafen wird in Wahrheit und Gerechtigkeit, ist eingenordet, was seine Handlungen betrifft. Er weiß, daß er damit nicht davon kommt. Sein Verbrechen wird ihn einholen und Gottes Gerechtigkeit wird ihm auf den Kopf hauen. Die Psalmen sprechen dauernd davon: Die Frevler werden bestraft, den Witwen und Waisen wird Recht verschafft.
Die Hölle als möglicher Ausgang ist die Bedingung dafür. Wer nicht an die Hölle glaubt, der glaubt auch nicht an das Gericht. Wer nicht an das Gericht glaubt, der glaubt nicht, Rechenschaft ablegen zu müssen, sondern meint, damit irgendwie durchzukommen. Solange es kein irdisches Gericht gibt, gibt es keinen Grund, sich zu benehmen. Wo kein Kläger, da kein Richter. Die Hölle ist daher eine Frohbotschaft: Es gibt Gerechtigkeit. Deine Taten zählen! Und daher zählst du selbst! Die Hölle ist kein Drohbotschaft und auch keine Angstbotschaft. Wer die Hölle dagegen abschafft, der verkündet Angst: Der Vergewaltiger deiner Tochter kommt davon. Der Mord bleibt ungesühnt. Du wurdest enteignet und niemanden interessiert es. Das ist die Wahrheit der Wirklichkeit ohne Hölle.

Aber die Furcht des Herrn hat nicht nur mit der Hölle zu tun. Gott hat den Menschen nicht für die Hölle geschaffen. Gott hat einen anderen Plan und der hat mit der Liebe zu tun. Aus Liebe wurde der Mensch geschaffen, aus Lieber existiert er. Er ist gewollt. Sein Dasein hat daher eine Würde, erhaben über alle anderen Dinge, die er selbst macht. Ein kleiner Säugling ist unendlich wertvoller als Ferrari. Wer den Wert des einzelnen Menschenlebens nicht anerkennt, nicht sieht, ignoriert, der mißachtet den Willen Gottes von der Wurzel her. Furcht vor dem Herrn heißt zugleich Furcht vor dem Leben. Ein Mensch, der sich an einem Leben vergreift, der vergreift sich auch an der Ehrfurcht vor dem Leben und damit der Ehrfurcht vor dem Herrn.
Ein echt religiöser Mensch sieht den unschätzbaren Wert eines Menschen vor sich. Er sieht die Heiligkeit des Lebens vor sich und wagt es nicht, diese Heiligkeit zu stören oder gar zu zerstören. Wer die Heiligkeit nicht sieht, der hat auch keinen Respekt. Er behandelt den anderen nie wie einen Menschen, sondern wie eine Sache. Ein solcher Mensch ist gar nicht mehr zur Moral fähig. Er ist soweit abgestumpft, daß er nicht einmal vor sich selbst Respekt haben kann. Sein eigenes Leben ist nicht mal mehr heilig.

Die Erneuerung der Kirche beginnt mit der Erneuerung der Furcht vor Gott.