Die letzten Tage waren alle sehr verwirrend. Der Staub setzt sich nur langsam und es wird noch einige Wochen dauern, bis er sich zumindest oberflächlich gesetzt hat. Es gäbe auch so viel zu kommentieren, zu beurteilen und mit Konsequenzen zu versehen. Darüber möchte ich Moment nicht schreiben. Das wären nur kleine Kopfgeburten. Ich fürchte: Nur echte Watschen rütteln wach. Aber die müssen gut platziert werden. Hartnäckiger Schmutz braucht starke Mittel. Über diese Mittel muß es ein andermal gehen. Vielleicht ist dieser Rahmen hier nicht geeignet. Es ist ja nur meine private Echochamber. Aber ich bin wirklich enttäuscht. Warum? Ich möchte ein paar Punkte verbinden.

Ausgangspunkt der Enttäuschung ist das Interview mit P. Franziskus auf dem Heimflug von Irland. Auf die Viganò-Anschuldigungen kommt nur ein: „Ich sag nix, liebe Journalisten, macht euren Job, urteilt selbst.“ – Ich halte es mit Bischof Morlino, nur etwas umgangssprachlicher: Ist der Mann von Sinnen? Die Presse soll das beurteilen? Die funktioniert hervorragend. Schauen wir nur auf die USA und ihre Medienlandschaft. Oder alternativ Deutschland, wo alles Pro-Eurozone, etc. ist. Unglaublich!! Die Presse versagt seit Jahren immer deutlicher und er fordert dazu auf. Allein wenn man auf die Berichterstattung über Viganò, etc. schaut, dann sagt das alles. In keinem Konzertsaal habe ich jemals so diszipliniertes Schweigen vernommen. Die Antwort von P. Franziskus war unter den Top 3 der schlechtesten und substanzlosesten möglichen Antworten. Der alte Römer wurde sagen: qui tacet consentire videtur. Jedenfalls muß sich P. Franziskus dazu mit aller Transparenz äußern. Erzbischof Viganò ist kein Witz, sondern ein geschätzter Sohn der Kirche.

Aber das war es noch nicht alleine. Wiederum Bischof Morlino hat es sehr gut getroffen. P. Franziskus hatte zuvor seinen Brief an das Volk Gottes veröffentlicht. Und da hat dieser Klerikalismus als Wurzel des Mißbrauchs- und Vertuschungsskandals ausgemacht. Morlino dagegen: Die Statistiken, d.h. Pennsylvania Grand Jury und John Jay Report, sagen klar: 80% der Mißbrauchsopfer waren männlich. Es gibt nach allen Regeln der Statistik eine Korrelation, die man Homosexualität nennt. Die Ursache war massiv Homosexualität. Sorry, das sagt nicht die Bibel, sondern der Mißbrauchsbericht des sekularen Staates! Dieser Zusammenhang ist nicht leugbar! Interessanterweise hat dies auch Marian Eleganti gesagt und darauf hin gab die Diözese von St. Gallen eine, sagen wir, interessante Antwort. Denn die leugnet diesen Zusammenhang und zeichnet Eleganti als homophoben Bischof. Ist der Skandal nur in den USA? Mitnichten!
Also: P. Franziskus nennt Homosexualität nicht als Ursache. Das ist schon fatal. P. Benedikt hat das noch anders gesehen und auf den intrinsischen Zusammenhang von Unfähigkeit zum Priestertum und Homosexualität hingewiesen. Wer diese Neigung hat, der kann nicht verstehen, was das Priestertum bedeutet. Vielleicht mag das intellektuell einholbar sein. Aber in der existenziellen Bedeutung nicht. Daher meine ich: P. Franziskus blendet hier mit Absicht, Homosexualität als Ursache aus. Man kann diesen Zusammenhang nicht übersehen, sondern nur leugnen. Erst recht, wenn der Amtsvorgänger das betont hat.

Bei der Lektüre des Briefes von P. Franziskus kam ich zur Fußnote, die den Klerikalismus ausführt. In dem Brief steht ja nicht gerade sehr viel. Er wird quasi nur erwähnt. Etwas mehr steht im zitierten Dokument an Kardinal Marc Ouellet. Klerikalismus ist das Hauptthema des Schreibens. Zitat (Unterstreichungen und Nummerierung von mir):

Gleichzeitig muss ich ein weiteres Element hinzufügen, das ich für die Frucht einer falschen Form halte, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil aufgezeigte Ekklesiologie zu leben [1]. Wir können nicht über das Thema der Laien [2] nachdenken und dabei eine der stärksten Verzerrungen übersehen, mit denen Lateinamerika konfrontiert ist und für die ich Sie um besondere Aufmerksamkeit bitte: den Klerikalismus. Diese Haltung macht nicht nur die Persönlichkeit der Christen zunichte, sondern sie neigt dazu, die Taufgnade zu mindern und abzuwerten, die der Heilige Geist in das Herz unseres Volkes eingegossen [3] hat. Der Klerikalismus führt dazu, die Laien homogen zu machen [4]; indem er sie als »Bittsteller« behandelt [5], beschneidet er die verschiedenen Initiativen, Bemühungen [6], ja ich wage sogar zu sagen die kühnen Taten, die notwendig sind, um die Frohbotschaft des Evangeliums in alle Bereiche des gesellschaftlichen und besonders des politischen Lebens zu tragen. Weit davon entfernt, den verschiedenen Beiträgen und Vorschlägen Impulse zu verleihen [7], löscht der Klerikalismus allmählich das prophetische Feuer aus [8], von dem die ganze Kirche in den Herzen ihrer Völker Zeugnis ablegen soll. Der Klerikalismus vergisst, dass die Sichtbarkeit und die Sakramentalität der Kirche zum ganzen Gottesvolk gehören (vgl. Lumen gentium, 9-14) und nicht zu einigen wenigen Auserwählten und Erleuchteten [9].

Dieser Dokument schockt mich wirklich. Daran ist so viel falsch! Ich möchte das aufzeigen. Ich teile es ein in Fragen, die ich am Text klären will, um sie dann zu kommentieren.

A) Was versteht P. Franziskus unter Klerikalismus?

Als erster zeigt der Klerikalismus eine Zweiteilung des Volkes Gottes in zwei Schubladen an: Kleriker und Laien ([2] und [4]). Der Klerikalismus macht etwas mit den Laien, nicht mit den Klerikern. Das Verhältnis von Klerikern und Laien wird spezifiziert: Der Laie wird als Bittsteller behandelt, der Kleriker dann logischerweise als der, der die Bitte gewährt ([5]). Daraus geht ein Machtgefälle hervor: Der Kleriker hat die Macht, Initiativen, usw. zu beschneiden ([6]).  Dagegen wäre es die Aufgabe der Kleriker, Impulse zu geben ([7]). Und schließlich ist der Klerikalismus eine Macht, die den Hl. Geist klein macht bzw. sogar auslöscht ([8]). Ja er ist eine Form der Elitenbildung ([9]).

B) Woher hat der Klerikalismus seine Wurzel?

Der Klerikalismus ist eine nachkonziliare Frucht einer falschen Form, die Ekklesiologie des II. Vatikanums zu leben ([1]). Das sind drei Elemente: nachkonziliar (das gibt den Zeitraum an),  Folge einer Form (das ist die Gestalt einer Haltung zu etwas; hier: Ekklesiologie), Leben (das ist die Umsetzung der Gestalt).

C) In welchem Kontext sieht P. Franziskus den Klerikalismus?

Die Problemdiagnose «Klerikalismus» taucht auf bei der Frage nach den Laien ([2]).

D) Welche Folgen hat der Klerikalismus?

Der Klerikalismus hat Folgen für die Laien ([2],[3], [4] und [5]). Er zerstört die Persönlichkeit der Christen, mindert die Taufgnade, wertet die Taufgnade ab, homogenisiert, macht Laien zu Bittstellern, beschneidet Initiativen. Zudem ist er eine Unterlassungshandlung, da Laien nicht unterstützt werden ([3],[4],[5] und [6]).

Kommentar:

Die Definition des Klerikalismus ist ein Kunststück der Logik. Denn einerseits sagt P. Franziskus, daß die Einteilung in zwei Schubladen – Laien und Kleriker – eine Sackgasse ist, bereits ein Stück Klerikalismus , andererseits reproduziert er diese Einteilung selbst! Es gibt ein eigenes «Thema der Laien» ([C]). Wie soll man das verstehen? Ich kann es nicht. Wenn er die Ekklesiologie des Konzils umsetzen würde, dann gäbe es nicht ein Thema der Laien, sondern nur ein gemeinsames Thema des ganzen Gottes Volkes! Die Frage ist nun: Warum diese Einteilung in Laien und Klerikern? Naja, ganz einfach: Sonst wäre die These Klerikalismus nicht haltbar. Dazu kommt gleich noch mehr.

Der nächste Punkt der fuzzy logic: Bereits vorher hat P. Franziskus festgestellt, daß die Einteilung nicht richtig ist [A]. Es gibt keine zwei Klassen, Laien und Kleriker. Das Konzil sagt das klar und er belegt es auch. Aber wie kann man denn dann von einer falschen Frucht des II. Vatikanums reden? Das ist doch das blanke Gegenteil des Konzils. Wenn es einen Klerikalismus derart gibt, dann kann er sich gerade nicht auf das Konzil berufen. Also kann es auch nicht die Wurzel sein. Denkt man dagegen weiter: Wenn das Konzil gegen einen vermeintlichen Klerikalismus, der die Welt in Laien und Klerikern einteilt, redet, dann ist das Wort des Konzils eine Antwort auf den Klerikalismus, d.h. eine Reaktion. Aber wenn es eine Reaktion ist, dann kann es dort nicht seine Wurzel haben. Logisch notwendig! Diese Zuschreibung ist also völlig falsch (also der Zeitraum [B]). Die Frage ist nun (wiederum): Warum soll das seine Wurzel in der Konzilsrezeption haben? Weil das eine Erklärung anbietet, um gewisse Bereiche der Kirche zu diskreditieren (z.B. diejenigen, die am vetus ordo festhalten; d.h. summa summarum, die eine Hermeneutik der Kontinuität vertreten und sich gegen falsche Schlüsse wehren).
Das schlimme an diesem Punkt ist, daß P. Franziskus auf eine Haltung, man würde heute strukturalistisch sagen: Narrativ, die vor allem von den Piusbrüdern ausgeht, eingeht. Dieser Narrativ ist falsch. Er lautet ja: Die gegenwärtige Krise ist eine Folge des Konzils. Das stimmt nicht. Das Konzil ist bereits die Antwort auf die Krise. Die Krise war definitiv vorher da. Punkt. Alles andere ist selbstwidersprüchlich. Und wie gehabt: P. Franziskus greift diese falsche Haltung auf, indem er sie gegen die zu richten versucht, die sie haben.

Das Problem wird an dieser Stelle schwieriger zu beurteilen. Gerade ging es um die zeitliche Einordnung. Daneben aber auch um die Haltung, den Narrativ. Meint P. Franziskus das mit Form? Ich glaube nicht. Denn mit dem Narrativ kann ich keine Umsetzung einer Gestalt verknüpfen. Wie soll man  Aussage: «Die Krise ist eine Folge des Konzils.» in das Leben überführen? Das ist Quatsch. Es ist aus dem Text schlicht nicht ersichtlich, was er damit meint. Es liegt nahe, Soutane und Paramente damit zu verknüpfen, also so eine Art «Sozialgestalt» eines bestimmten Typus des Priesterideals. Was nun diese Form umfaßt, wird hier nicht wirklich beschrieben. Es ist einfach nur vage und allgemein. Ist die Soutane eine solche Form oder das Hawaiihemd (stellvertretend für die Typen Priester, die sie darstellen)? Oder beides? Was ich hiermit sagen will: Die Diagnose: nachkonziliar, Frucht einer falschen Form, Versuch zu Ekklesiologie zu leben ist in sich nicht stimmig, ja inkonsistent.

Aber nicht nur die Story ist inkonsistent. Die Behauptung der Folgen ist auch inkompatibel mit der Lehre der Kirche. Die Taufe und damit die Taufgnade ist unauslöschlich. Scheinbar können Kleriker, was selbst Gott nicht kann ([D]). Das ist natürlich polemisch. Aber der Punkt ist: Was kann ein Kleriker an dem Glauben und den Wirkungen des Glaubens ändern, wenn ein Laie echt glaubt? Prallt das nur an mir ab? Oder hängt der Glaube und dessen Wirkungen wirklich vom örtlichen Priester ab? Was ist das dann für ein Glaube? Den kann man doch gleich in die Tonne geben!

Nun der wirkliche Widerspruch: Ich habe noch nie das beobachtet, was P. Franziskus hier behauptet hat, sondern stets das Gegenteil: Priester, die hilflos sind im Sakramente spenden, die überfordert sind mit der Situation. Kommunion für wiederverheiratet Geschiedene? Klar! Für Protestanten? Klar! Menschen zur Beichte bewegen? Kommt nicht vor! Eine intensive Prüfung und Vorbereitung auf die Ehe? Lächerlich! Eine strenge, einfordernde Erstkommunion- und Firmvorbereitung? Gab’s das jemals? Nein! Absolut lächerlich! – Da, wo der Priester gefordert wird, da ist es gerade das Gegenteil von Klerikalismus. Bittsteller und Bittgewährer – diese Dynamik habe ich nicht erlebt.
Dann die Beschneidung der Initiativen: Nein, nein und nochmals nein. Ich kenne nur Förderung. In dem Rahmen, den ein Priester geben kann. Ich persönlich wurde gefördert, aber auch Gruppen wurden gefördert. Ich kenne nicht einen Fall, bei dem es am Priester scheiterte, sondern immer an anderen Faktoren. Und konträr dazu habe ich Priester erlebt, die Input geben und gerade Initiativen fördern. Natürlich habe ich auch andere erlebt, die ratlos und achselzuckend herumsitzen. Aber das waren weniger als diejenigen, die Initiativen aktiv fördern. Die wenig fördern, verhindern nichts. Sie sind eher passiv. Ihnen fehlt das Talent dazu. Also überlassen sie das Feld anderen.
Schlimmer noch: Ich kenne Initiativen von Laien, die ganz selbständig agieren. Bunte Initiativen! Alles andere als homogen. Und da erlebe ich auch, daß verschiedene Meinungen aneinander geraten und miteinander auskommen. Ohne Priester. Und ich habe Initiativen erlebt, wo ein Priester mit an Bord war, aber nicht die Leitung übernommen hatte, nicht einmal Moderator war.

Was P. Franziskus sagt, stimmt überhaupt nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Nun mag man einwenden: Aber der Papst spricht Lateinamerika an. Okay. Aber soweit ich weiß, adressiert er in dem jüngsten Brief nicht Lateinamerika, nicht die USA, sondern die ganze Welt. Sowohl für die USA als auch Europa kann das nicht stimmen mit dem Klerikalismus.

Fehlt noch ein Thema: Elite! Das ist natürlich eine Eselei. Er beschwert sich gerade darüber, daß sich Geschäftsführer zusammenschließen und sich austauschen, wie es ist, Geschäftsführer zu sein. Der Zusammenhang hat rein gar nichts mit Elite zu tun, sondern pares cum paribus. Gleiches gesellt sich zu gleichem. Priester treffen sich mit Priestern. Genauso wie sich Angler mit Anglern treffen oder Motorradfahrer mit Motorradfahrern. Elitenbildung! – Was die Sichtbarkeit und Sakramentalität betrifft, so ist das ziemlich witzlos. Wiederum: Das Gegenteil von P. Franziskus! Der Priester wäre sichtbar, weil er eine Kleidung trägt, die ihn als Priester sichtbar macht. Wäre! Denn viele Priester tun das gerade nicht. Sie sind ununterscheidbar. Aber die Frage ist doch: Wie werden Laien als Kirche sichtbar? Indem sie sich öffentlich zur Kirche bekennen und aus dem Glauben heraus handeln. Was ist mit einem Martin Mosebach? Was mit einem Manfred Lütz? … Die Liste ist lang, wenn man nur genau hinschaut! Es gibt viele profilierte katholische Laien. Mehr als profilierte Priester.

Klerikalismus ist nicht das Problem. Ich bezweilfe gar, daß es überhaupt eine Signifikanz in der gegenwärtigen Krise hat. Zudem sind die Beschreibungen von P. Franziskus unzutreffend.

Zurück zum Brief!

Diese falsche Ursache mißfällt mir schon sehr. Aber es gibt noch eine Sache, die mich ärgert: Papst Franziskus redet im Brief von Ordensleuten und Priestern. Er redet nicht von Bischöfen und Kardinälen. Das verstehe ich nicht. McCarrick ist gerade enttarnt worden. Und der Papst tut so, als wäre das nicht passiert. Die vorigen Päpste hätten Bischöfe und Kardinäle mit hineingenommen. Die hätten da besonderes Gewicht darauf gelegt. Papst Franziskus glänzt mit dem Fehlen dieses Pfundes. Damit gibt er eine wichtige Sache nicht zu: Es ist eine Infektion, die bis in die höchsten Ränge geht. Es ist nicht bloß ein Mißbrauchsproblem. Es ist ein Vertuschungsproblem und zwar primär der Bischöfe und Kardinäle. Das hat der Fall McCarrick gezeigt. Das benennt er nicht.
Und nebenbei: Wenn irgendwo die Diagnose «Klerikalismus» zutrifft, dann auf das Verhältnis von Bischöfen und Priestern. Priester sind oft Bittsteller und werden ebenso oft abgewiesen. Wollen sie Initiativen fördern, werden sie zurückgepfiffen.Die Haltung der Bischöfe ist meist: Ich Chef, du nix!

Ich bin massiv enttäuscht. Ganz zu schweigen von alldem, was dann noch vorgefallen ist: Viganò und der peinliche Auftritt beim Weltfamilientreffen in Irland. Irland!! Das Land, wo die Bischöfe versagt haben. Papst Benedikt hatte sie nicht protegiert, sondern exponiert und geohrfeigt. Was ist davon übriggeblieben? Arme irische Katholiken. Es war keine Bestärkung im Glauben, sondern eine bittere Enttäuschung. Und es gibt keine Anzeichen, warum sich das ändern sollte.