Seit Amoris Laetitia kam das Wort von den in sich schlechten Handlungen wieder in die Diskussion. Einige Theologen sind da unrühmlich aufgefallen. Insbesondere Moraltheologen, die es ja eigentlich besser wissen müßten, meinten sich irgendwelchen postmoralischen Kaschierungsversuchen zuwenden zu müssen. Postmoralisch? Ja. Denn die Moralia kommen im Gewand des Philosophen daher: Utilitarismus, Konsequentionalismus, Behaviorismus, usf. Es handelt sich dabei nicht im Philosophie, sondern um Travestie. Sie verkleiden sich. Es gibt in der Ethik eine Wahrheit und daher auch wirkliche Gegenstände, denen man seinen Verstand angleichen muß. Es gibt grundlegende ethische Wahrheiten. Die postmoralischen Moralia ignorieren diese Wahrheiten.

Eine Wahrheit darunter ist die Lehre von den in sich schlechten Handlungen. Das bedeutet: Eine bestimmte ethisch relevante Handlung ist immer eine schlechte Handlung. Ganz egal wie das Ziel der Handlung, der Wille dazu und die Umstände dessen beschaffen sind – die Handlung bleibt in sich schlecht. Daher ist diese Handlung immer zu meiden und nie zu erstreben.

Nun möchte ich diese moralische Wahrheit anhand eines Beispiels vor Augen führen. Wie geht ein postmoralischer Mensch (A), ein moralischer, aber nicht zu Christus bekehrter Mensch (B) und zu Christus bekehrter Mensch (C) um? Beispiel: Selbstbefriedigung.

(A) Postmoralisch
In diese Gruppe fallen alle Menschen, die einer der Pseudophilosophien anhängen: Utilitaristen, ethische Subjektivisten, Konsequentionalisten, uvm. Darunter ist vermutlich auch der größte Teil derer einzuordnen, die sich in Mitteleuropa noch Christen nennen.
Alle postmoralischen Ansichten haben bei dem Thema Selbstbefriedigung gemein, daß diese Handlung nicht einmal ein Problem darstellt. Der Utilitarist sieht darin eine Vermehrung des Glücks und daher ist es gut. Der ethische Subjektivist sieht darin ein Teil seines persönlichen Glückes. Der Konsequentionalist findet keine negative Folge, also ist das auch okay. – Alle lösen die Handlung los von dem Personenzentrum der handelnden Person. Im Personenzentrum findet sich der Wille des individuellen Menschen. Und der Wille verändert alles im Menschen. Durch den Willen hat der Mensch eine Möglichkeit erhalten, sich zu einer Handlung zu positionieren, Stellung zu nehmen, sie im Licht der Vernunft zu beurteilen. Doch die postmoralischen Ansichten schalten diese Fähigkeit, sich zu positionieren, aus, da der Wille in der Beurteilung der Sachlage keine Rolle spielt. Ob der Handelnde die Selbstbefriedigung will oder nicht, spielt in der Beurteilung der Handlung keine Rolle. Aufgrund dieser Tatsache können diese Ansichten auch nie eine Philosophie der Freiheit darstellen. Freiheit ist nur möglich, wo der Wille eine reale Bedeutsamkeit für die Beurteilung einer moralischen Handlung hat. Wo der Wille egal ist, ist keine Freiheit.
Wie gehen diese hier also damit um? Sie tun letztlich so, als sei das Thema gar keine moralische Handlung. Das Problem existiert nicht und damit existiert auch gar kein Umgang. Man kann nicht von einem unmoralischen Umgang sprechen, da die moralische Relevanz gar nicht gegeben ist.

(B) Moralisch, aber nicht zu Christus bekehrt
In diese Gruppe fallen diejenigen Menschen, die das Evangelium nicht empfangen haben, aber dennoch zur moralischen Reife erwacht sind und ein Leben nach der Moral führen bzw. sich danach bemühen. Es sind die edlen Heiden, die Perlen der Völker, die die philosophische Lebensweise angenommen haben und der Wahrheit, insofern sie sie erkannt haben, bedingungslos folgen.
Diese Menschen haben erkannt, daß Selbstbefriedigung eine in sich schlechte Handlung ist. Sie verstößt ipso facto gegen die Welt der Moral. Sie verkehrt das Wesen der Liebe. Für den moralischen Menschen ist Selbstbefriedigung ein Prüfstein. Er weiß um die Schlechtigkeit der Handlung, erstrebt sie nicht und flieht sie, soweit seine Mittel es zulassen. Wird der moralische Mensch von seiner Triebhaftigkeit überwältigt und schafft es nicht mit den Kräften seiner Seele seinen Körper zu beherrschen, dann kommt es zur Selbstbefriedigung. Ihm kommt diese Handlung wie eine Vergewaltigung seiner selbst vor, denn die Handlung richtet sich gegen seinen Willen. Er stimmt ihr nicht zu, verweigert seine Solidarität mit der Situation. Die Handlung fügt dem moralischen Menschen großen Schmerz zu, denn er muß sich eingestehen, daß die Macht seines Willens eine Grenze gefunden hat. Er muß wehrlos kapitulieren und sich eingestehen, daß sein Wille entthront wurde. Daher beschädigt eine in sich schlechte Handlung die Selbstachtung der Person auf gravierende Art und Weise. Der moralische Mensch wurde besiegt und liegt am Boden. Die Handlung führt zur Ohnmacht mit all ihren Begleiterscheinungen: Scham, Verzweiflung, Vertrauensverlust in sich selbst, Hoffnungslosigkeit, usw.

(C) Der zu Christus bekehrte
In diese Gruppe fallen diejenigen Menschen, die moralisch erwacht sind, das Evangelium gehört haben und sich um das Leben Jesu bemühen. Diese Menschen haben sich auf den Weg der Heiligkeit begeben. Sie folgen daher nicht nur der Philosophie, sondern der wahren Philosophie Christi, der menschgewordenen ewigen Weisheit.
Diese Menschen haben nicht nur erkannt, daß Selbstbefriedigung eine in sich schlechte Handlung ist, sondern auch, daß ihr Wille ohnmächtig aus sich heraus ist. Es gibt Fälle, wo der Wille nicht den Leib regieren kann. Die Situation sieht aus, wie bei den moralischen Mensch von (B). Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Der echte Christ weiß um die Schwäche seines Willens und um das Geheimnis des göttlichen Willens. In der Auferstehung Jesu wird die Ohnmacht durch die Allmacht des göttlichen Willens erhöht. Der Mensch bleibt nicht in der Schwäche, im Zustand des gefallenen Soldatens auf dem moralischen Schlachtfeld. Er erfährt Auferstehung. Das Licht des Ostermorgens schenkt ihm neue Kraft und neue Achtung. Nicht aus sich heraus, sondern weil er Wohlgefallen in den Augen Gottes gefunden hat. Die Begleiterscheinung der moralischen Ohnmacht fehlen ihm. Er verzweifelt nicht, weil er um seine Schwäche weiß. Er verliert kein Vertrauen in sich, weil er sowieso nicht auf sich vertraut, sondern auf Gott. Er ist nicht hoffnungslos, weil der dreifaltige Gott seine Hoffnung ist. Je mehr der Christ eintaucht in das Geheimnis der Auferstehung, desto größer wird er. Der göttliche Wille wächst in ihm und so wird der eigene Wille erhöht und kann aus dieser Kraft heraus den Kampf besser aufnehmen. Er fällt nicht so leicht. Er ist ein Kampf erprobter Soldat.

Es gibt nun noch eine Gruppe, die einzige, die wirklich in der großen Verlorenheit der Sünde lebt: Die Menschen, die das Evangelium empfangen haben, das moralische Leben nach dem Vorbild Jesu aufgenommen haben, aber darin ermattet sind, nicht auf Gott, sondern auf sich vertrauen und ihre eigene Schwachheit nicht in die Stärke des Heiligen Geistes haben wandeln lassen. Sie verweigern der in sich schlechten Handlung nicht ihre Solidarität, sondern geben ihr freiwillig nach. Auch wenn ihr Gewissen sie anklagt, so sehen sie keinen Grund zur Beunruhigung.
Was passiert da? Das Heilsdrama von Tod und Auferstehung, von Ohnmacht und Allmacht, von Erniedrigung und Erhöhung findet nicht statt. Der eigene Stolz treibt einen Keil zwischen dem eigenen Willen und dem Willen Jesu und damit auch des Vaters. Hier findet die eigentliche Trennung von Gott und Mensch statt. Der Mensch wird zum verlorenen Sohn, obwohl er bereits eine Rückkehr hinter sich hatte. Er sagt sich von Gott los und das zwar auf subtile, aber bewußte Weise.
Gibt es diesen Fall bei unserem Beispiel? Die Antwort ist: Ja und nicht gerade wenige. Ehemänner wählen diesen Weg. Statt zu kämpfen sehen sie diese Handlung als Ausweg ihrer Situation und rechtfertigen diese in sich schlechte Handlung «um ihrer Ehe willen».

Oft werden diese Fragen als Marginalia abgefrühstückt. Es gäbe doch wichtigere moralische Probleme als diese Lappalie. Warum sich lange damit beschäftigen? Wer so etwas meint, der hat sich als postmoralischen Menschen geoutet. Jede moralische Handlung führt in das Herz des Menschen. Es ist der kürzeste Weg zum Willen und damit in das Personenzentrum. Dort wird der Mensch an seiner Freiheit gepackt. Der Mensch ist mit seinem freien Willen eine Person, eine Ganzheit. Man kann ihn nicht zertrennen in verschiedene Personen oder verschiedene Willen oder verschiedene Freiheiten. Eine einzige Willensentscheidung hat Auswirkungen auf den ganzen Willen und auf die ganze Person.
Es ist daher ein gravierender Irrtum zu meinen, es gäbe moralische Kleinigkeiten. In der Moral sind die Wahrheiten gleich groß. Man kann sich den vermeintlich größeren moralischen Problemen nicht stellen, wenn man sich nicht den vermeintlich kleineren moralischen Problemen stellt. Wer auf einem Schlachtfeld nicht kämpft, der kämpft auch nicht auf dem anderen. Daher ist die Sünde so gravierend. Sie entscheidet nicht die Schlacht, sondern den Krieg.