In den letzten Jahren hat sich einiges verändert. Schon seit langem waren mir gerade die österlichen Tage ein Dorn der Heuchelei. Was da von Kanzeln herunterschwappt – selig der Priester, der sich dabei nicht die Zunge verbrennt! Mir kam das rote Meßgewand des Martyrertums immer etwas unangemessen vor. Gut, der Priester steht da nicht für sich. Dieser Mantel ist ihm immer zu weit. Aber die Inkongruenz schien mir so groß, daß man mit einem humorigen Lächeln nicht mehr dran vorbeigehen kann. Das war die erste Stufe der Heuchelei.

Irgendwann hatte ich das Gewäsch der Priester abgeschüttelt. Es reizte nicht mal mehr. Sie sind unvollkommen, okay. Aber warum sollte ich bei einem Priester an die Decke gehen? Was unterscheidet ihn denn von anderen? Die Person interessiert mich nicht. Ich höre ihm zu, weil er Werkzeug Christi ist, nicht wegen der eigenen Persönlichkeit. Das vergessen wir ja ganz gerne und suchen da Genius, wo keiner hingehört. Aber so verschob sich die Problematik. Ich habe den Priester ja kritisiert. Und schaue ich nach links und rechts, dann sitzen da auch lauter Kritiker, die dem Prediger Wein statt Wasser vorwerfen. Also auch so Leute wie ich. Nur ich hatte mich verändert. Und ich fing an, diese Leute zu kritisieren. Wer seid ihr denn, daß ihr den Priester kritisiert. Ihr trinkt doch alle selber Wein und kein Wasser. Ihr werft ihm etwas vor, was ihr selber von euch weist. So geht’s nicht. Das war die zweite Stufe der Heuchelei.

Nun hat sich das noch weiter verändert. Wie gesagt: links und rechts, das bin ich selbst. Wer bin ich, daß ich die Leute oder den Priester kritisiere? Trinke ich denn nicht selbst Wein statt Wasser? Diese Frage muß ich mir selbst stellen und mich in Demut üben. Ich mag mich ja auch bemühen, aber konsequent und ausdauernd sein? Das kann ich auch nicht für mich reklamieren. Und dieser Weg geht weiter. Es bedeutet für mich: Laß die Priester mal Priester sein, die Leute die Leute. Kümmer dich nicht um die, sondern um dich. Das war die dritte Stufe der Heuchelei.

Es geht noch mehr: Wer bin ich, daß ich so versessen auf mich schaue? Zu schnell bin ich bei der Situation und ordne mich ein, mische mich nicht nur unter das Volk, sondern die Personen der Passion. Ich stehe plötzlich im Geschehen und mache mir Gedanken, wo ich eigentlich stehe. Doch selbst das ist noch viel zu verheuchelt. Als käme es auf mich an! Nein, das ist es nicht. Wenn wir in die Liturgie eintauchen, in das Geheimnis von Leiden, Tod und Auferstehung Christi, dann sollen wir nicht nur von dem Priester und von der Gemeinde absehen, sondern vor allem auch von einem selbst, von mir selbst. Der Blick geht zum Herren und von ihm auf mich. Er schaut mich an. Das bedeutet vor allem nicht: Ich schaue mich an. Im Blick des Herrn vergesse ich mich. Darum geht es. Das ist das entscheidende. Wir sollen auf den Herrn schauen und alles andere vergessen. Den Priester, die Leute, mich selbst.

Erst ab diesem Punkt ist der Weg frei, ein passionierter Mensch zu werden. Ein Mensch, der sich in das Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus hineinversenkt hat.