Durchforstet man die Zeitungen, so könnte man meinen: eigentliche gäbe es doch viel zu kommentieren, oder nicht? Der Heilige Martin von Würselen hat das Wunder vollbracht und die SPD schneller sinken lassen als die Bismarck. Ja, das ist wahrlich eine Leistung. Ein Gabriel hätte das nie fertig gebracht. Und dann ist da diese CDU, die ihre Führungsriege «verjüngt» hat. Jung ist in den Augen von Phantom-Omi Merkel, wer weniger als 60 Jahre hat. Aber vielleicht stimmt das auch: An charakterlicher Reife ist in den letzten 40 Jahren wohl nicht viel dazu gekommen. Obwohl Frau Nahles die unangefochtene Kindergeburtstagsprinzession ist und bleibt.

Aber warum bin ich so still? Politik – in der Tat, sie interessiert mich nicht wirklich. Die Namen wechseln mehr oder weniger, der Blödsinn bleibt. Ich habe abgeschlossen mit diesen Kapiteln. Es bindet unnötige Ressourcen. Hätte ich in den letzten Jahren für jeden Zeitungsartikel ein Gedicht gelesen – ich hätte mehr davon gehabt. Außerdem ist es unerträglich geworden, Presse zu lesen. Der Inhalt nähert sich assymptotisch der Null. Es werden Stimmungen, Gefühle, Atmosphäre wiedergegeben – in schlechtem Deutsch. Die Berichte sind gar keine Berichte mehr, sondern tendenziöse Prosa. Vor 20 Jahren hätte man dafür kein Abitur bekommen. Doch das ist nun Usus.

Ich sehe auch keinen Sinn darin, eine Art Chronik des Niedergangs zu verfassen. Eine Chronik mißachtet die Gewichtung aller Ereignisse. Auch ist die Diagnose «Niedergang» falsch, grundlegend falsch. Die Beschäftigung mit der Geschichte zeigt deutlich: Das, was wir gewöhnlich Niedergang nennen, ist lediglich ein Mangel an Aneignung. Zu allen Zeiten war es schwierig, ein Heiliger zu sein. Da geht nichts nieder. Zu allen Zeiten ist der Heilige jemand, der aus der Banalität aufsteigt. Früher gab es vielleicht mehr Leute, die dem nachgejagt sind. Aber es waren nicht andere Zeiten, sondern andere Menschen. Das Wort vom Niedergang ist eine Fiktion, eine Nostalgie an Zeiten, die es nie gegeben hat. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Doch mit was Fülle ich diese übriggebliebene Zeit? Ich sinne nach, was wirklich wichtig wäre. Ich lese Bücher, die Geistigkeit vermitteln und voll von Weisheit sind. Ich frage mich, welche Form, shape würde der Engländer sagen, braucht der Mensch heute? Ist es eine andere Form als vor 100, 200, 500, 1000, 2000 Jahren? Und wovon her und worauf hin lebt er eigentlich, diese Portion Kreatur?
Insofern: Die Zeit ist noch nicht reif, die Früchte sind noch nicht da, um etwas handfestes vorzuweisen. Es ist noch nicht die Zeit für die Schnitter. Doch es tut gut, wie dieser Lärm gedämpft ist und nur von ferne dumpf dröhnt. Ohne dieses Rauschen, höre und sehe ich klarer. Der aufgewirbelte Staub legt sich langsam und sanft. Die Defizite treten klarer hervor, die großen Linien und Bögen scheinen deutlicher auf. Und ich merke eher, welche Fragestellungen sich lohnen, beantwortet und untersucht zu werden.
Zugleich hat das Leben einen ungewöhnlichen Rhythmus gewonnen: Es fließt, ja strömt, in einer merkwürdigen Geschwindigkeit. Und dann mache kurz eine Pause und halte inne. Wo ist sie hin, die Zeit? War es recht, wie ich sie genutzt habe? Und ich denke so oft: Nein. Du Lump! Viel zu wenig machst du. Andererseits bemerke ich: Oh, die ersten zwei Monate sind rum und du hast schon 15 Bücher gelesen. Und dann denke ich wieder: Du eitler Bock, du Prahlhans! Wen juckt das außer deinem Ego?

Ja, es ist sehr eigenartig, wie Rhythmen sich verändern. Wo das Leben mal schneller, mal langsamer schlägt. Wo es sehr dicht wird. Wo es hell wird und wo es auch dunkel wird. Wo es zwischen Prosa und Poesie lebt. Wo man früh aufsteht und wo man ausschläft. Wo man hektisch umherrennt und wo man ruhig wird.