Viele fragen sich, wie das Christentum an neuer Kraft gewinnt in Europa. Bei manchen manifestiert sich auch eine Antwort. Doch leider habe ich  bisher nur eine einzige Stimme überhaupt gehört, die nach meinem Ermessen auch den richtigen Ansatzpunkt hat: Johannes Kreier. Jesus beginnt seine Predigt mit: Kehrt um! Aber niemand redet über die Wende zu Jesus hin. Es sind nur verblaßte Lippenbekenntnisse, die von abgeschafften Kanzeln runtergeleiert werden wie eine frömmelnde Spieluhr. Johannes Kreier räumt damit auf. Und einer der Schlüssel, und wie ich meine der größte von allen, ist Fasten. Zwar ist es nur ein Anfang. Aber der entscheidende. Die gesamte christliche Existenz ist Fasten, ist conversio ad Jesum Christum.

Fasten ist uns zum Problem geworden. Und Kreier benannt auch das: Protestantisierung. Man vermutet hinter jeder Fastenübung Werkgerechtigkeit. Als wäre das zu nichts nütze und deswegen gehöre es abgeschafft. Dabei ist von je her an klar, daß es eine tragende Säule der christlichen Existenz ist. Die Väter reden oft davon. Über die Jahrhunderte haben sich viele Übungen verfeinert. Mit dem Konzil wurde das quasi abgeschafft. Dabei gibt es einen intrinsischen Zusammenhang von Freiheit und Fasten.

Wenn wir wieder katholisch werden wollen, müssen wir das Fasten zurückerobern, wiedergewinnen. Das durchsäuert die gesamte Existenz. Das durchsäuert unsere Zeit, die in Gottes Händen steht.

Ich sehe heute das Problem, daß Fasten «in» ist. Es ist zur Modeerscheinung verkommen. Und das verstellt den klaren Blick auf den Sinn. Man meint heute, Fasten müßte rückgebunden werden an einen immanenten Sinn. Es «entschlackt», es dient der Gesundheit, es überwindet Süchte und Laster, es führt in die Gemeinschaft. Das ist alles nicht einmal ganz falsch. Aber Fasten bedeutet nicht, daß man auf etwas verzichtet um seiner selbst willen. Im Gegenteil: Fasten hat nur seinen Sinn, wenn es sich auf Gott richtet, wenn es um Gottes willen geschieht. Fasten ist eine Willensübung der Gottanhänglichkeit. Es befreit von irdischem Anhängen und führt zur Freiheit in Gott. Es stärkt den Gehorsam gegen Gottes Gebote, gegen seinen Willen. Eine Rückbindung an das eigene, weltliche Glücksstreben ist daher das diametrale Gegenteil von Fasten. Es ist rein äußerlich.
Dabei geht es übrigens auch nicht darum, den Regenwald zu retten. Das ist genauso blöde wie um seiner selbst willen zu fasten.

Fasten macht uns in erster Linie frei von unserem eigenen falschen Willen. Und dieser Weg ist ein Weg der Reinigung. Unsere Liebe und unser Wille soll von aller Bosheit gereinigt werden. Fasten dient der Reinheit, der Keuschheit. Da ist auch der Zusammenhang zur Buße zu suchen, d.h. es geht auch um die Reinigung von Sünde und Schuld.

Manchmal hört man, daß Fasten den Blick frei macht, um unbeschwert auf Gott schauen zu können. Jedoch fragt man sich auch, ob man dann wirklich auf Gott schaut oder doch nicht eher ungelenkt an ihm vorbei schielt. Denn: Fasten heißt wirklich Fasten. Echter Verzicht. Es muß schon wehtun. Wer auf etwas Überfluß, nur auf seinen Luxus, den er sowieso nicht braucht, verzichtet, der hat gar nicht verzichtet. Und oft ist es doch so, daß die Butter durch Margarine ersetzt wird. Es heißt Fasten«opfer»!
So ist auch beim Almosen geben. Wer nur seinen Überfluß verschenkt, der verschenkt gar nichts. Auch hier muß der Gürtel wirklich enger geschnallt werden. Der Almosen fängt an, wo das Auto eine Nummer kleiner wird, der Urlaub ausgesetzt wird, die 10er-Karte für die Therme ausbleibt. Das ist kein Geld, was man auf der hohen Kante hat, was Spielgeld ist, womit man auch zocken könnte. Es ist ein Stück vom Herzen, was man sich um das Wohl der anderen herausreißt.

Schließlich, und das sagt auch Herr Kreier, dient Fasten der Erneuerung des Menschen. Der alte Mensch, der Adam in uns, er lebt noch und ist noch nicht ganz tot. Wir fallen in unseren Egoismus zurück, in den Eigenwillen. Wir brauchen die Erneuerung des Heiligen Geistes. Das Fasten macht unsere Seele porös wie Ton, damit wir den Heiligen Geist aufnehmen können, mit dem wir getränkt werden. Fasten öffnet die Fenster der Seele, die wir von innen zuhalten. Daher sind sie das beständige Bestreben, die Fenster offen zu halten. Sie sind Übungen. Übungen der ecclesia militans. Kriegsübungen gegen den Teufel. Sie sind Einübungen in den Heiligen Geist.

Durch Fasten finden wir den nötigen Raum, um den Kampf gegen den alten Adam und den Widersacher Christi zu führen. Wer nicht fastet, der kann nicht kämpfen. Wer nicht fastet, verzichtet auf das wirksamste Mittel der Erneuerung. Wer nicht zum Fasten aufruft, ruft auch nicht zur Erneuerung auf. Es geht hier nicht um ein anlaßbezogenes Fasten. Nicht, weil man irgend einen spezifischen Zweck damit verfolgt. Es geht um die reine Freiheit in Christus. Und die muß eine der tragenden Säulen unserer Existenz sein. Sonst sind wir keine Christen.