Ich las neulich die Nocturnen von Ida Friederike Görres. Und ich es ist doch hoch spannend. Es ist dieser zugige Grat zwischen Tagebuch, Aphorismus und Essay. Die kleinen Geschichten sind so ergreifend und die Zeitbeobachtungen erstaunlich. Und das ist der Punkt. Was sie feststellt, was sie diagnostiziert, deckt sich nicht mit dem Narrativ. Wofür ich viele eigene Notizen machen und einige lange Texte lesen mußte, darüber schreibt sie in wenigen Absätzen. Und sie trifft so ausgezeichnet. Daher ist es so wertvoll solche Texte zu lesen. Deutlich wertvoller als systematische Traktate oder geschwurbelte Philosophen.

Die Nocturnen wurden 1949 veröffentlicht. Es wird der Moralverfall moniert und zwar auf allen Ebenen. Es gibt kein «Milieu», was davon verschont bliebe. Und sie benennt die Krise: Autoritäts- und Glaubenskrise. Ja, die Autorität! Das sagt sie 20 Jahre vor den 68er! Was für ein falsches Bild haben wir von der Zeit!
Dazu zwei Gedanken: Die Pastoraltheologie, die sowas wie Milieustudien betreibt, hat einen Untersuchungsgegenstand, der bereits tot war, als sie angefangen hatten, ihn zu untersuchen. Sie kennen nur die Krankheit, aber nicht die Gesundheit. Das ist der genuine Grund, warum sie niemals in ihrer Situation gerade auch nur ansatzweise was zu sagen hat. Andererseits werden die 68er gerne als Sündenböcke benutzt. «Die haben das vergeigt!» So scheint mir die Geschichte nicht zu stimmen. Ich will damit nicht sagen, daß die 68er gewissermaßen schuldlos sind. Aber es dispensiert nicht die nicht 68er davon, selbst ihre Schuld zu bekennen. Es sind eben nicht bloß die 68er. Die Anderen gehören auch dazu.