Hatte ich schon mal über das Thema «Schöpfung bewahren» geschrieben? Jedenfalls findet man diese Behauptung zusehends. Das ist quasi das Kernthema der Christen bei den Grünen. Daraus wird das Hauptargument gegen Atomkraftwerke, für die Energiewende, gegen Plastikverpackungen, für Hausverpackungen, usw. Nachhaltigkeit ist das Stichwort oder auch Sparsamkeit. Es geht um den Umgang mit «Ressourcen». Dazu ein paar Gedanken:

Es ist eine verkehrte Meinung über die Stellung des Menschen im Kosmos, wenn er meint, ob als Individuum oder Kollektiv, der Herr über die Schöpfung zu sein. Nein, der Mensch hat sie nicht gemacht. Der Mensch war nicht vor der Schöpfung. Er ist ein Teil von ihr. Hier begegnet also der erste «Fehler»: Schöpfung ist nicht ein anderes Wort für die geschaffene Welt, der der Mensch gewissermaßen gegenübersteht, sondern Schöpfung ist die Gesamtheit der geschaffenen Welt, zu der der Mensch selbst zugehört.
Daraus ergibt sich eine erste Verhältniskorrektur. Der Mensch steht nicht über der «Natur». Er ist nicht ihr Herr und sie sein Knecht. Alles Geschöpfliche steht nicht in vertikalen Bezügen, sondern in horizontalen. Bruder Mond und Schwester Sonne. Falls man den Menschen als «Krone der Schöpfung» bezeichnet, so darf dies eben nicht hierarchisch verstanden werden. Aus der zeitlichen und räumlichen Ordnung folgt noch keine hierarchische Ordnung.

Es gibt momentan eine kleine, aber verquerte Aristoteles-Renaissance. Die Schöpfung wird als etwas betrachtet, daß um ihrer selbst willen besteht. Das Aristotelische Konzept der Entelechie wird vom Menschen auf alles Geschöpfliche übertragen. Nach dieser Meinung stellt der Mensch einen (letzten) Zweck an sich dar (bekannt aus der Selbstzweckformel des Kategorischen Imperativs). Bei Aristoteles zerfällt dieser letzte Zweck in Teilmomente. Etwa daß der Mensch seine Tugenden zur Entfaltung bringen soll. Er soll z.B. maßvoll sein, weil es seinem eigenen Wesen, seinem Selbstzweck, dienlich ist. Je mehr diese Teilmomente erfüllt werden, desto mehr wird der Selbstzweck des Menschen realisiert.
Dieses Konzept wird auf die «Natur» übertragen. Auch die anderen Geschöpfe haben einen Selbstzweck. Und ebenso haben sie Teilmomente, die es zu erfüllen gilt. Doch da die «Schöpfung» dem neuzeitlichen Menschen gegenübersteht, kann sie sich nicht selbst «wehren». Man bemerkt hierbei auch die anthropomorphe Sprache. Da die «Schöpfung» dem Menschen «ausgesetzt» ist, soll der Mensch ihr «Anwalt» werden. Die «Schöpfung» wird also das Mündel der «Menschheit». Der Mensch ergreift die Patronage und meint darüber urteilen zu können, worin der Selbstzweck eines Baumes besteht. Bei Tieren kennen wir das schon: Artgerechte Haltung. Dies bedeutet schlicht, daß der Mensch aus dem Tier einen Anthropomorphismus macht und dann sich in die Tiergattung hinein projiziert. Woher sollen wir wissen, was artgerechte Haltung ist, wenn nicht über das «Hinversetzen in das Tier»?  Doch das ist eine andere Nummer.
Was ist nun an dieser «Panteleologie» oder universalen Entelechie dran? Nun, nicht viel. Die Bibel sagt sofort, daß einzig der Mensch um seiner selbst willen geschaffen wurde, während die gesamte Schöpfung um Gottes willen geschaffen wurde. Die Schöpfung überhaupt hat ihr Zweck in Gott, nicht in sich. Der Mensch spielt eine Sonderrolle. Einerseits ebenso auf Gott hin gerichtet, andererseits von Gott her gerichtet, und in diesem Rhythmus mit Freiheit ausgestattet. Und die Philosophie? Sie lehnt diese Vorstellung ebenso ab. Denn es gibt zwei entscheidende Einwände: Die «Schöpfung» währt nicht ewig. Sie vergeht, ist dem Tod unterworfen. Etwas wird geboren und es stirbt. Nichts dauert. Alles, was nicht ewig währt, kann keinen Selbstzweck haben. Mit dem Tod erlischt aller Zweck. Gewiß kann man relative Zwecke darin finden: Was länger währt als anderes, hat eine höhere Bedeutung und einen höheren Rang. Aber es vergeht, ist nicht beständig. Andererseits leuchtet es nicht ein, warum die «Natur» einen Eigenstand haben sollte, d.h. eine Bedeutung jenseits des Menschen. Es ist doch der Mensch, der einzig nicht nur Teil der «Natur» ist, sondern «ihr» auch gegenübersteht. Er gebraucht «Natur». Und das tut er gemäß seinen Zwecken. Die Frage lautet: Woher kommen Zwecke? Ja, eine lange Fragestellung. Meistens wird diese Herkunft in der Vernunft verortet. Da gibt es auch noch andere Meinungen. Jedenfalls hat es etwas zutun mit dem, was man conditio humana nennt. Jedenfalls scheint klar zu sein: Wenn der Mensch die Patronage der «Schöpfung» wahrnehmen will, dann kann die Schöpfung keinen Eigenstand haben. Sonst bräuchte sie diese Patronage nicht.
Der Fehler liegt hier, die «Natur» mit Sinn aufzuladen, den sie nicht hat.

Was bedeutet das nun für das Thema «Schöpfung bewahren»? Wir sollten die Verselbstzweckung aufgeben und statt dessen uns über unser Verhältnis mit ihr klar werden. Einerseits Teil davon, andererseits ihr gegenüber. Wir sind keine Herren und sind auch nicht ihre Anwälte. Wir sollen sie mit Weisheit gebrauchen! Und da taucht dann die Frage auf, nach welchen Prinzipien wir «Natur» gebrauchen, nach welchen Maßstäben wir uns zu ihre verhalten und sie umgestalten. Darüber muß gründlich nachgedacht werden. Insbesondere gilt das für uns Christen, wenn wir die Schöpfung sakramental verstehen. Für uns gilt, die Bedeutungsdimensionen der Schöpfung zu verstehen, wie Gott sie bezeichnet. Da verläuft die Grenze zu Aristoteles: Er würde den Gebrauch, wenn überhaupt, mit dem Maß der menschlichen Zwecke messen. Wir dagegen mit dem Maß der göttlichen Zwecke, d.h. im Lichte Gottes, der Offenbarung.