Unsere Zeit führt das Wort Liebe so schnell im Mund. Mein Leben (und einige geliebte Personen) haben mich gelehrt, daß es kein Wort gibt, was so behutsam und vorsichtig gehaucht werden muß. Der größte Schaden, den ich angerichtet habe, läuft unter dem Wort Liebe. Und auch der größte Schaden, den ich erleiden mußte, hat seine Wurzel in diesem Wort. Mir liegt viel daran, dieses Wort rar zu machen. Aus der Liebe erwachsen Leidenswege, die Existenzen verkümmern lassen und vernichten. Liebe ist nicht harmlos. Nein, im Gegenteil. Im Namen der Liebe werden Verbrechen begangen.

Liebe kann daher nur gesprochen werden, wenn sie aus der Wahrheit kommt. Ohne Wahrheit ist Liebe nichts wert. In unseren Tagen fallen Liebe und Wahrheit auseinander. Die Gabe, zu unterscheiden, liegt brach. Und es ist ungeheuer schwer geworden, in Liebe und Wahrheit gleichermaßen zu wachsen. Viele Menschen gehen auf diesem Weg verloren. Denn dieser Weg ist schmal, denn es ist der Weg Jesu.
Gerne führt man locker den Spruch «Gott haßt die Sünde, aber liebt den Sünder» an. In rechtem Licht begutachtet stimmt dieser Satz auch. Doch so lange wir Menschen unser menschliches Maß haben, erleiden wir mit dieser Weisheit Schiffbruch. Denn dieser Satz scheint uns Menschen in der Liebe von der Wahrheit zu dispensieren. Doch Gottes Liebe und unsere Menschenliebe sind so verschieden.

Wenn wir unser menschliches Maß an die Liebe anlegen, dann sehen wir das Geliebte in einem bestimmten Licht. Wir lieben verschiedene Sachen, verschiedene endliche Sachen. Oft sagen wir, daß wir ein bestimmtes Gericht lieben oder ein bestimmte Musikstück oder ähnliches. Es sind verschiedene Dinge, die wir toll finden. Sie können uns locken und reizen und wir gehen darauf ein. Sie haben ihren Liebreiz.
Von den Gegenständen geht die menschliche Liebe zu den höheren Stufen der Liebe: Wir lieben Menschen, Personen. Vater und Mutter, Geschwister, Kinder, Freunde und den Gatten. Dabei verwechseln wir, um wessentwillen wir lieben. Warum lieben wir unsere Eltern? Weil sie unsere Eltern sind! Die Liebe kommt aus dem Verhältnis, nicht aus der Person um ihrerselbst willen. So ist es auch mit Geschwistern und Kindern. Einen Schritt weiter geht die Liebe zu Freunden. Unsere Freunde haben wir erwählt. Wir können sie auch wieder ablehnen. Wir suchen uns unsere Freunde aus. In diesem Fall ist es nicht einmal die Beziehung, aufgrund dessen wir lieben, sondern wir lieben jemanden, weil er eine bestimmte Personen ist, weil er vielleicht Charaktereigenschaften hat, die wir lieben. Noch weiter geht diese Liebe, wenn wir einen Menschen exklusiv lieben, den Ehepartner. Warum lieben wir gerade diese Person? Weil sie etwas hat, was nur sie hat. Weil sie etwas zu geben hat, was sonst kein anderer zu geben hat.

Das Christentum bricht mit dieser Liebe radikal. Der Christ liebt nie etwas äußeres. Er weiß, daß kein Geliebtes in dieser Welt ihm entspricht. Sein Herz ist unruhig, bis es ruht in Gott. Ja, er weiß, daß es unmöglich ist, seine Ruhe in einem Gegenstand, in seiner Familie, in einem Menschen zu finden. Wer es dennoch versucht, wird nie im Land seiner Ruhe ankommen.
Jesus hat uns den Weg zur Liebe in Gott gezeigt. Denn er ist der einzige Mensch, der nicht liebt, wie Menschen lieben, sondern wir Gott liebt. Und das ist der Schlüssel für alle Liebe. Gott macht keine halben Sachen. Das wissen wir schon lange. Gott geht auf’s ganze. Er gibt sich selbst ganz hin, bis zum letzten Tropfen Blut. Göttliche Liebe geht bis zum letzten Grund der Existenz und gibt sich dort preis, hinein in die absolute Ohnmacht. Da spricht Gott: «Du bist mein geliebter Sohn. Ich will, daß du das Blut in meinen Adern bist, das Leben, was durch mich fließt. Von dir her will ich lieben und leben und von sonst nirgendwo. Nichts anderes soll mir anhangen.»
Das können wir Menschen nicht sagen. Denn wir Menschen sind Sünder. Wir begehen gravierende Fehler gegen die Liebe. Zwar können wir sagen, daß wir Lieben trotz der Sünde – ja, das große Trotz der Auferstehung – doch können wir nicht wollen, daß wir angesichts unserer Sünde geliebt werden. Wer das will, der nimmt gerade die großen Verletzungen, zu der nur die Liebe imstande ist, in Kauf. Wer wahrhaft liebt, kann das nicht wollen.

Nur der, der selbst ohne Sünde ist, kann vollkommen lieben. Er kann sich selbst zum Leben, zur Speise, zum Blut geben, damit der andere durch ihn lebt. Daraus folgt sehr viel. Liebe strebt zur Vollkommenheit. Liebe soll so sein, wie Christus uns zuerst geliebt hat. Jesus liebt uns, damit wir ihn genauso lieben. Wir können, solange wir Sünder sind, nicht wollen, daß wir von Christus geliebt werden. Wenn wir Christus wirklich lieben, müssen wir nach Sündlosigkeit streben, nach Vollkommenheit in der Liebe. Sündenvergebung ist daher nichts optionales. Sündenvergebung ist das Wesen der Liebe und ihre ganze Macht. Es kann nur einer Sünden vergeben: Gott. Wir sind auf die barmherzige Liebe Gottes radikal angewiesen.
Wenn wir Menschen meinen, wir könnten ohne die Liebe Gottes lieben wie Gott liebt, der geht absolut in die Irre. Wir Menschen können nicht einfach über Sünden hinweg sehen. Wir können nicht sagen, daß wir die Sünde hassen, aber den Sünder lieben. Wir können den Sünder nur lieben, wenn er die Sünde ablegt. Wie oft haben wir das Wort von der Umkehr gehört? Und wie oft verbleibt es bei diesem Anruf? Die Ehebrecherin sollte umkehren. Und dann meinen manche, es sei damit schon getan. Wenn wir wie Jesus einem Sünder zurufen «kehre um»! Nein, damit ist es gerade nicht getan. Denn wir Menschen können keine Sünden vergeben. Wann werden wir das verstehen? Es braucht die Liebe Gottes, damit wir wirklich lieben und damit wir wirklich geliebt werden können! Alle Liebe kann daher nur das Geschenk der Barmherzigkeit sein. Jesus ist nicht bloßes Vorbild in der Liebe. Er selbst ist die fleischgewordene Liebe! Das ist ein himmelweiter Unterschied.

Was ist nun mit unserer Liebe? Wie verhält es sich, wenn ein Ehepaar sich liebt? Ist das denn nichts? Wenn einer dem anderen sagt: «Ich liebe dich!»? Ich habe schmerzlich am eigenen Leib diese Liebe erlebt. «Ich gehe jeden Weg mit dir, ich laß dich nicht los, auch wenn dich alle Welt haßt, ich bleibe bei dir auch in deinem größten Versagen, in deiner schwersten Sünde und Schuld.» Diese Liebe, so lieb und teuer sie auch erscheinen mag, sie ist nicht von Gott. Denn Gott liebt die Wahrheit, denn er ist die Wahrheit.
Es ist ein Trugschluß zu meinen, daß wir unsere Existenz von unseren Taten trennen können. So lange wir Menschen Sünder sind, sind wir in gleichem Maß unausstehlich. Unsere Existenz lebt in Geschichte. Wir können sie nicht abstreifen. Ein Mörder bleibt ein Mörder. Daran ändert auch alle menschliche Vergebung nichts. Wahre Liebe nennt daher jede Sünde eine Sünde und jeden Sünder einen Sünder. Natürlich sind wir es nicht, die über die Sünde richten. So wenig wie wir es sind, die Sünden vergeben. Die Liebe ruft zur Wahrheit, zur Umkehr und zur Vollkommenheit auf: «Komm zum Kreuz, leg dein Leben vor deinen Herrn und bekenne deine Sünden und bitte um Vergebung.» Ständig müssen wir diesen Schritt gehen, damit wir vollkommen werden in der Liebe. Und wenn wir das tun, dann lieben wir nicht mehr wie Menschen, sondern lieben wie Gott liebt, weil er unsere Sünde getragen hat für uns.

Der Spruch also «Gott liebt den Sünder und haßt die Sünde» bringt den Menschen um sein Kreuz, wenn er versucht, Gott auf menschliche Art und Weise nachzuahmen. In Gott kann es keine Sünde geben. Und in der Liebe Gottes kann es auch keine Sünder geben. Nur der Sünder, dem Gott seine Sünde genommen hat, kann bestehen.
Gerade Homosexuelle spüren dieses Problem. Denn sie tragen nicht ihre gesamte Existenz vor Gott. Ein Bereich verbleibt, der Gott vorenthalten wird: «Gott, du mußt mich lieben, auch mit meiner Sünde. Du kannst dir aussuchen: Entweder du hast mich so geschaffen mit meiner Sexualität, daß sie mir zu eigen ist wie meine Hautfarbe, und das kann nie Sünde sein, oder aber du mußt mich trotz meiner Sünde lieben.»
Doch es ist ein Vorurteil, daß nur Homosexuelle damit Probleme haben. In Wahrheit sind es fast alle Heterosexuellen, die die gleichen Probleme haben. Denn auch ihre Sexualität wurde nicht vor das Geheimnis des Kreuzes getragen und von dort her durch das Leben Gottes geheiligt und verwandelt zur wahren Liebe des dreifaltigen Gottes. Heterosexuelle Menschen haben sogar noch größere Problem, denn man hat jahrzehntelang ihre sexuellen Verirrungen nicht mehr so benannt, wie sie sind: sündig.

Und für alle Arten von sexuellem Empfinden gilt: Wer seine sexuelle Identität mit seiner Hautfarbe vergleicht, hat große Unordnung in seiner Seele. Denn alles Begehren, was nicht von Gott her seinen Ursprung und sein Ziel hat, führt von Gott weg. Es begehrt das Falsche. Und das ist letztlich alles, was nicht Gott ist oder nicht ohne ihn gegeben wurde. Herr, zeig uns unsere Sünden, bekehre uns und verzeih uns!