Die Institution der Ehe steht unter Beschuß. So lautet die vorherrschende Meinung in vielen Kreisen. Gerade jetzt wo die Ehe für alle von allen Seiten gefordert wird, scheint es, müsse man sich mit Händen und Füßen dagegen wehren und sich auf die Straße zum Demonstrieren begeben. Nun. Mich zieht das alles überhaupt nicht. Denn um welchen Kampf handelt es sich hier?

Einerseits gehe ich grundsätzlich nicht auf Demonstrationen. Demonstrationen haben noch nie etwas bewirkt. Es ist die stumpfe Waffe des kleinen Mannes, der aus guten Absichten einen Mob von überzeugten Ideologen hervorbringt. Seitdem ich Gustave Le Bons «Psychologie der Massen» gelesen habe, empfinde ich für diese Form von Meinungsäußerung überhaupt keine Sympathie. Nein, es widerspricht meinem Selbstbild. Ich bin ein Individuum mit meinen eigenen Überzeugungen. Ich kann nur mich vertreten. Wer in eine Gruppe hineingeht, übernimmt Vertreterschaft für Überzeugungen, die nicht einem selbst zu eigen sind. Demonstrationen vertreten immer Partikularinteressen. Darin ist mir nichts gelegen. Die einzige Gruppe, die keine Partikularinteressen vertritt, sondern die Ganzheit der Interessen Gottes, ist die Kirche. Und da ich ein Mann der Kirche bin, habe ich bei der Kirche überhaupt keine Berührungsängste.
Andererseits hindert mich an dieser bestimmten Demonstration der Eindruck, daß der «politische Kampf» um die Ehe schon lange verloren ist. Wenn die Ehe nicht «für alle» geöffnet werden würde, hätten wir dann irgendetwas gewonnen? Überhaupt nicht. Wir Katholiken verstehen da etwas ganz anderes darunter. Und weil die Gesetzeslage nicht kongruent mit dem gelebten Verständnis ist, bringt es nichts irgendwelche Gesetze zu ändern. Die Leute würden auch so in offenem Konkubinat und ähnlichem leben. Wer denkt, daß das mit den 68er salonfähig wurde, der täuscht sich. Diese Abkehr vom katholischen Verständnis lief schon lange vorher ab. Sie begann mit Luther. Politisch gab es nur wenig Veränderungen daran. Doch es war schließlich Bismarck, unter dem die Ehescheidung eingeführt wurde. Unser katholisches Verständnis hatte bereits 1875 eine Niederlage erlitten. Damals wurde die Polygamie eingeführt in Form von serieller Monogamie.

Mir scheint daher klar, daß solche Demonstrationen Zeitverschwendung sind. Die «Ehe für alle» wird kommen. Und dann wird noch mehr kommen. In Kolumbien wurden neulich drei Männer «verheiratet». Der nächste Punkt wird die offene, synchrone Polygamie sein. Während Länder wie Tunesien um die Einehe kämpfen, hat sich in Europa der Wind gedreht. Welch verkehrte Entwicklungen!