«Es gibt Strahlen der Wahrheit, d.h. auch außerhalb der Kirche gibt es Menschen, die etwas von der göttlichen Wahrheit erkennen. Der Unterschied zur Katholischen Kirche besteht darin, daß sie in Jesus Christus die Fülle der Wahrheit hat.»

Es passiert öfters, solche Sätze zu hören. Und oftmals geben Menschen diese Meinung getreu wieder, weil ein Lehrer es ihnen sagte und es vom Zweiten Vatikanum kommt. Doch das ist falsch. Ich möchte gleich die Skizze dazu gerade rücken. Denn es gibt viel Verwirrung darum und man muß die Texte aus dem Glauben der Kirche lesen, um sie richtig zu verstehen. Das fällt sehr schwer. «Knapp vorbei ist auch daneben.» gilt hier…

Der erste Einwand aus dogmatischer Sicht: Wie das Gewand des Herren, was in Trier manchmal ausgestellt wird, aus einem Stoff gewoben ist, so auch der Glauben, d.h. die Wahrheit. Die Wahrheit hat keine Flicken oder Löcher. Ein Faden dieses Gewebes jenseits des Gewebes selber ist nicht wahr. Das springt einem förmlich ins Auge. Es gibt keine Dreiviertelwahrheit oder halbe Wahrheit. Sie gibt es nur im Gesamtpaket, so wie es Ehegatten nur im Gesamtpaket gibt. (Die Lösung des Problems kommt am Schluß, «Lunarekklesiologie»)

Hier der Text (Deutsch und Latein, Nostra Aetate 2):

Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet. Unablässig aber verkündet sie und muß sie verkündigen Christus, der ist „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6), in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden, in dem Gott alles mit sich versöhnt hat.

Ecclesia catholica nihil eorum, quae in his religionibus vera et sancta sunt, reicit. Sincera cum observantia considerat illos modos agendi et vivendi, illa praecepta et doctrinas, quae, quamvis ab iis quae ipsa tenet et proponit in multis discrepent, haud raro referunt tamen radium illius Veritatis, quae illuminat omnes homines. Annuntiat vero et annuntiare tenetur indesinenter Christum, qui est „via, veritas et vita” (Io. 14,6), in quo homines plenitudinem vitae religiosae inveniunt, in quo Deus omnia Sibi reconciliavit.

Strahlen der Wahrheit? D’accord! Jesus = die Fülle der Wahrheit? Jain! Denn: Er ist die Fülle der Wahrheit, aber nicht in einem quantitativen Sinn. Es gibt kein mehr oder weniger an Wahrheit. Jesus totaliter die Wahrheit selbst. Ihn gibt es nur ganz oder gar nicht. Daher ist er nicht die Fülle in einem graduellen Sinn. Es gibt ebenso keine graduelle Offenbarung! Das muß man für Israel mal bedenken…

Meine Unterstreichung: Hier liegt der Hase im Pfeffer. Hier ist nicht von einer Quantität er Offenbarung (also Jesus) die Rede, sondern von den Menschen. Sie finden die Fülle des religiösen Lebens «in ihm». Christus wird hier als Heilsmittler angesprochen, nicht als Wahrheit. Und die Menschen sollen die Fülle des Lebens finden. Gewiß sagt auch die Kirche, daß Jesus die Fülle ist und daß er gekommen ist «damit wir das Leben in Fülle haben». Hier wird eigentlich ex negativo eine Aussage über die anderen Religionen gemacht: Wenn ihr nicht in ihm seid, habt ihr nicht die Fülle des religiösen Lebens, nicht das Heil. Bums aus. Man mag noch so viele Gutes, Wahres, Edles finden. Das entscheidende, nämlich Jesus, fehlt. Und es gibt noch eine weitere Unterscheidung zwischen «Fülle sein» und «Fülle haben».
Noch augenfälliger wird dieser Duktus mit dem nachfolgenden Nebensatz: Er (=Vater) hat in ihm (=Christus) alles mit sich (=heilsökonomisch) versöhnt (=Hl. Geist).
Jesus ist die Fülle des religiösen Lebens. Und wenn wir das Ave Maria beten, dann sehen wir «voll der Gnade», daß Maria selbst die Fülle des religiösen Lebens hat, denn sie hat Jesus in sich durch den Geist. Was es bedeutet, ein erfülltes religiöses Leben zu haben, sehen wir an Maria.

«Lunarekklesiologie»

Diese Differenz zwischen Sein und Haben wird klar an der alten Lehre der Kirche, die kein Licht aus sich heraus hat, sondern wie der Mond von der Sonne angestrahlt wird und so in der Nacht das Licht der Sonne widerspiegelt. Christus ist die Sonne, die Fülle des Lebens. Die Strahlen der Wahrheit leuchten den Menschen, ohne Frage, aber Strahlen der Wahrheit ≠ Wahrheit. Denn die Wahrheit ist ein Ganzheit. Maria ist der Vollmond, der ganz von Christus angestrahlt wird. Aber die Kirche würde nie behaupten, daß die Sonne nur den Mond anstrahlt. Das wäre falsch. Der Mond ist viel zu klein, um daß ganze Licht zu fassen.

Aber ist das jetzt nicht doch wieder quantitativ? Was die Strahlen betrifft – ja, was die Wahrheit betrifft – nein. Jesus allein ist die Wahrheit, die Sonne, eine Ganzheit. Nur das «Jesus für uns im Licht, was die Kirche widerspiegelt» ist begrenzt, d.h. quantitativ. Oder noch mal anders: Nicht das Licht der Offenbarung wird größer, sondern die Lichtmenge, die die Kirche zu reflektieren vermag.

Neben bei: Der «Strahl der Wahrheit» ist ein Synonym für den Hl. Geist, der bekanntlich «weht, wo er will».

Veni, Sancte Spiritus
et emitte caelitus
Lucis tuae radium