Gestern zappte ich mal wieder durch YouTube, auf der Suche nach interessanten Beiträgen über den Glauben. Irgendwie landete ich bei einem Panel mit Holm Tetens und ein paar anderen, die ich nicht kannte, ob gewisse religiöse Rede rational explizierbar sind im Sinne einer philosophischen Theologie. Mit vielen Satzen kommt Herr Tetens klar, aber ein Satz liegt vor ihm, auf den er sich keinen Reim machen kann: Jesus starb für unsere Sünden. Und ja, in der Tat ein interessanter Satz. Was würde ich antworten, wenn jemand mir diese Frage stellen würde; so frei von der Leber? Auf den ersten Versuch kam ich etwas ins Stocken. Aber dann wurde es klarer und ich erinnerte mich an meinen Kommentar zum Kreuz bei Hartl. Denn da habe ich genau diese Frage offengelassen, also nicht beantwortet. Insofern möchte ich diese Lücke ein bißchen auffüllen.

Die Grundfrage lautet immer, was das Kreuz mit mir zu tun hat. Die Antwort Hartls ist zwar nett, aber nicht überzeugend, da ich da nicht drin vorkomme. Ich habe es nur grob angedeutet: Das Kreuz hat etwas mit Gabe und Geber zu tun, mit über sich verfügen und über sich verfügen lassen. Unsere westliche Denkart ist von Platon geprägt. Charakteristisch ist der Teilhabegedanke: So wie wir auf Erden Teilhaben an den metaphysischen Ideen, an der himmlischen Wirklichkeit, so läuft es auch bei Jesus ab. Durch ihn haben wir Anteil an Gott und so auch Anteil an der Sündenvergebung und Sündenfreiheit. Doch Erlösung ist kein Teilhabeverhältnis! Daran krankt alle Erlösungslehre. Nur die Trinitätstheologie kann uns davon wegführen und hineinziehen in das Verhältnis, was Erlösung meint.
Gott gibt sich als Vater ganz dem Sohn hin und dieses Verhältnis ist der Hl. Geist. Das kann der Vater, weil er sich selbst ganz hat. Ebenso kann der Sohn darauf antworten, weil er sich selbst ganz hat. Und in dieser Gabe gibt es keine Differenz, was der Hl. Geist ist. Der Vater gibt sich = Hl. Geist = der Sohn gibt sich. Vater und Sohn geben sich und das ist die gleiche Gabe.
Sünde bezeichnet den Zerfall dieses Verhältnisses. Dieses Verhältnis kann kein Mensch reparieren. Denn: Der Mensch hat sich nicht. Er ist sich gegeben und aufgetragen. Nur von Gott selbst kann dieses Verhältnis repariert werden, denn er hat auch den Menschen. Und dieser Akt der Reparation ist das Kreuz. Jesus gibt sich, er ist der Sohn, ganz dem Vater. Er ist nicht aus dem Verhältnis herausgefallen. Daher ohne Sünde. Aber wir, die wir nicht der Sohn durch Zeugung sind, müssen darin einstimmen. Und ja, es ist ein Einstimmen. Es gibt nur ein Kreuz, eine Ganzhingabe, nur einen Hl. Geist und nur eine Erlösung. Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Das ist ziemlich wörtlich zu nehmen. Alles, was wir Gott geben, geben wir durch Christus. Nur in ihm ist das Heil. Daher müssen wir alles zu Jesus bringen, unsere Existenz, die ganze Schöpfung. Und das tun wir in der Eucharistie. Alles empfangen haben und alles hingeben.

Das zeigt auch: Sünde ist keine moralische Quantität! Das gilt auch für Beichte. Da werden in einem absoluten Sinn nicht die Fehler und Schulden beglichen, keine Zeche durch Christus gezahlt, sondern die Hineinnahme in das Geheimnis des Kreuzes wird aufgerichtet. Schuld ist die Chiffre für Trennung von Jesus. Horizont ist die Weisung, das Gebot. Aber das hat einzig und allein seine Hinordnung auf Jesus. Sühne richtet die Freundschaft mit Jesus auf. Die «Rechnung», die «Zeche» geht nicht auf. Sie läßt sich gerade nicht (!) materiell auflösen, d.h. beschreiben. Die einzige Antwort auf Glück ist nämlich Jesus. Alles andere ist dagegen fad und blaß, auch wenn es als größte Freude daherkommt. Jegliche Vergebung, die ein Mensch einem anderen Menschen zuspricht, erlöst nicht. Nur in Jesus ist wahre Vergebung. In Christus bin ich frei, d.h. ich «habe mich selbst», da ich mich von Gott in ihm erhalten habe. Das ist das Mysterium salutis. Das ist die Immaculata, die reine Magd!

Randnotiz: Daher ist die transzendentale Erfahrung Rahners hochproblematisch. Uns Ja zu Gott ist ein Ja, was bereits von Gott kommt. Der göttliche Logos verantwortet uns und wir antworten mit dem göttlichen Logos. Alles andere wäre Idolatrie. Wir haben kein Wort der Erlösung aus uns heraus!