Manchmal ergeben sich interessante Gespräche über Glauben und Studium. So auch die Tage mit einem ehemaligen evangelischen Theologiestudenten: Der Beginn des Studiums mit Einleitungsfragen war sehr spannend und aufschlußreich. Mit der Fortführung in die Dogmatik und Dogmengeschichte kam der Glaube aber ins Wanken und fiel schließlich um. Der vormalige Glaubenszugang war versperrt worden. Ein Zurück auch nicht möglich. Schließlich war auch die Fortführung des Studiums nicht mehr sinnvoll. Und wie komme ich damit klar? Ginge es mir nicht genauso?

Es wäre töricht und naiv zu glauben, ich würde mich nicht verändern. Aber genau das ist der Punkt: Ich veränder mich, ich werde verändert. Gott verändert sich nicht. An der Existenz Gottes zu zweifeln halte ich daher für ebenso töricht. Die Frage lautet: Wer ist Gott für mich? Was verstehe ich darunter? – Solche Bereiche bewegen sich, bewegen mich.

Was heißt das konkret? Was hat sich verändert? – Meine Art zu beten hat sich sehr starkt verändert. Schon immer war ich ein Kind des freien Betens, weg von den ausgetretenen Wegen. In der Auseinandersetzung mit biblischer Art zu beten oder auch in liturgischen Vollzügen fällt mir vieles schwer. Strukturprinzip ist immer Aneignung: nur wo ich mein „Amen“ druntersetzen kann, bin ich dabei. Ein Gebet kann ich nicht blind sprechen. Das geht nicht. Und oft schüttel ich den Kopf über Fürbitten und andere Gebete. Welches quere Gottesbild steckt dahinter?
Auch die Gebetsfrequenz hat sich verändert. Während Gebet gerade in monastischen Kreisen Struktur gibt (Morgen-, Abend,- Nachtgebet), drückt Gebet das aus, was mich gerade im bezug von Gott und Umwelt beschäftigt und besorgt. Dieser Ausdruck ist dabei nicht zwingend verbal. Unter Gebet verstehe ich das Sichtbarwerden (sive Spürbarwerden) der Gegenwart Gottes in meinem Lebenszusammenhang. Das kann die literarische Gattung Gebet, aber auch einfach das Hören eines Liedes sein oder eine Armung oder ein Telephonanruf.
Gerade das Gebet, das Struktur gibt, steht in der Gefahr Routine, Algorithmus zu werden. Es verliert seinen Kern, seine Fähigkeit die Beziehung mit Gott zu fassen. Manchmal vergißt man das vielleicht: auch die Erfahrung der Abwesendheit Gottes ist ein Ausdruck dieser Beziehung. Lücken und Wunden sichtbar machen ist Gebet!

Und abseits des Gebetes? Bereits die Feststellung, Gottes Existenz ist nicht negierbar, zeugt von dem veränderten Zugang. Einerseits würde ich sagen, mein Gottesverständnis wird philosophisch ausgeprägter. Etwa die Frage nach der Trinität: Drei Personen und doch einer. Meiner Meinung nach ist diese Formulierung nicht mit dem klassischen Personenbegriff kompatibel. Gott ist eine Person, radikale Einheit. Er ist nicht drei Personen. Ich würde eher sagen, er ist selbsttätige und selbststehende Selbsttranszendenz. Ok, viel selbst, aber ich meine, das sei so bedenkenlos aussprechbar.

Mit dem Gottesverständnis verändert sich aber auch das Menschenverständnis. Etwa Nietzsches Programm des Herrenmenschen – welch Menschen verachtenden Folgen! – drückt im Kern Wahrheit aus: Ich kann den Menschen letztlich nur als Gott denken. Sein Ziel ist es wie Gott zu sein! Die Himmelsvorstellung lebt gerade davon, daß der Mensch entgrenzt wird. Das bedeutet auch, daß der Mensch das beste wird, was existiert. Und das ist nunmal Gott! Ein Himmel, in dem ich nur die zweite Geige spiele, ist kein Himmel. Das sagt quasi Nietzsche. Und er hat recht.
Aber genau hier setzt die Dramatik ein: Der Mensch ist ja nicht wie Gott. Er scheitert am laufenden Band. Er lebt in Brüchen und Gebrochenheiten. Die Frage lautet: Wie wird er ganz?

Die Antwort ist recht einfach und unverständlich: a) Wir werden wie Gott b) Gott ist der radikal Eine c) Gott und Mensch „fallen“ in eins. Damit das geschieht, muß der Mensch von innen her umgewandelt werden. Und damit er umgewandelt werden kann, muß erstmal Gott Menschen werden.
So einfach geht Christologie. Und auch klar ist dabei: Jesus der Christus kann nicht als bloß biblische Figur betrachtet werden, kann gar nicht verstanden werden, wenn man nur an der Bibel festhält.

Daher: Gott hat sich nicht verändert. Christus hat sich aber verändert in meiner Wahrnehmung. Von dem alten Christusverständnis bleibt nicht viel übrig. Wer ihn fasse kann, der fasse!