„Man muss in Reinheit und mit Liebe seiner Berufung zu dienen gerecht werden.“ – Leo Tolstoi

Ich stelle jetzt schon die zentrale Frage meines aktuellen Lebensweges. Zu früh ist das aber keinesfalls. Wenn ich diese Frage nicht beantworten könnte, wäre ich wohl im Priesterseminar am falschen Platz.
Ich denke, dass gerade heutzutage viele Menschen nicht mehr an eine Berufung glauben. Sie denken, ihr Platz in der Welt richte sich nach ihrem Gefühlszustand. Und alles sei gleich gut und daher zu jeder Zeit jegliche Stellung im Leben möglich. Das sehe ich gerade nicht so. Doch fangen wir lieber gezielt an:

Berufung ist für mich in erster Linie das von Gott gerufen sein zu einem Leben bei Gott. Gott ruft alle Menschen auf, ihm nachzufolgen und Heilige zu werden. Jesus Christus hat uns den Weg gezeigt, wie wir das verwirklichen können. Berufung ist Teil der Wirklichkeit. Alle sind von Gott Erwählt; erwählt zu ihm zukommen. Und wir stehen bei dieser Berufung nicht alleine da. Gott ist mit im Boot. Dazu hat er den Heiligen Geist gesandt, als unseren Beistand auf dem Weg zu Gott. Das ist der erste und auch wichtigste Punkt.

Der zweite Punkt ist die Berufung als Jünger Gottes, andere Menschen zu Jüngern zu machen. Wir Getaufte sind allesamt zum Zeugnis ablegen berufen. Das ist eigentlich das, was man auch allgemeines Priestertum nennt. Der Priester ist der, der zu Gott vermittelt. Dieses Priestertum wurde in Jesus Christus vollendet. „Niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Jesus Christus ist der einzige und wahre Priester. Da wir alle durch die Taufe zu Christus gehören und Anteil an ihm haben, sind wir alle berufen Menschen zu dem einen Priester Christus zu führen.

Bei dem dritten Punkt, den ich hier anführen möchte, wird es schon schwieriger. Ich kann hier keine komplette Theologie entfalten und versuche daher nur anzudeuten, was ich als „berufen zur Liebe“ meine.
Berufen zur Liebe ist jeder. Es gibt im Wesentlichen genau zwei Lebensformen: a) Partnerschaft von Mann und Frau und b) Partnerschaft mit Gott allein. Eine Variante c) partnerschaftslos erachte ich nicht als Berufung. Denn jeder Mensch kann sich nur in der Beziehung verwirklichen. Um das zu begründen, müsste ich einen großen Exkurs machen. Daher lasse ich das lieber.
Grundlage für mein Verständnis ist Genesis und die paulinische Briefliteratur. Ich erläutere die Punkte im Folgenden:

a) Partnerschaft zwischen Mann und Frau

Der von Gott geschaffene Mensch („Adam“) war einsam (obwohl Gott bei ihm war!). Daher schuf Gott ihm einen Beistand („Eva“). Nun war Adam nicht mehr einsam. Der Mensch wird erst durch eine Beziehung vollständig. Und die von Gott gewollte Beziehung ist die von Mann und Frau. Eine Beziehung ist der ständige Austausch von Liebe. Liebe nicht in dem heute meist gedeuteten Begriff, was soviel wie „Geschlechtstrieb befriedigen heißt“, sondern als freie Hingabe des Menschen selbst. Hingabe wiederum heißt, den anderen höher einschätzen als mich selbst. Er ist mir wichtiger, als ich mir selbst. Und daher tue ich ihm alles Gute, bevor ich an mich denke(n kann). Dann ist Liebe auch wirklich Liebe. Und jetzt kommt Paulus: Das Verhältnis Mann und Frau ist wie das Verhältnis Christus zu seiner Kirche. Das heißt, der Mann steht der Frau vor, aaaaaaaaaaaaaaaaaber(!!!!) als Dienender. Er macht sich klein; ist Ehrenvorsitzender in der Liebe. Das ist ein Teil der „Berufung zur Liebe“.

b) Partnerschaft mit Gott

In dieser Beziehung verschenkt (=Hingabe) sich der Mensch nicht an eine andere Person (also Mann oder Frau), sondern an Gott selbst. Er gibt sich Gott ganz hin und will für ihn allein leben. Der Liebesaustausch findet nicht in den kleinen sinnlichen Zeichen wie in einer Ehe statt, sondern ist viel mehr von geistiger Natur. Diese Lebensform ist zölibatär, also „ehelos um des Himmelreichs Willen.“

Wir stellen also fest, dass beide Lebensformen eine Beziehung haben, also ein „sich verschenken“. Sie setzen ein liebendes Herz voraus. Und dieses erwächst in der lebendigen Beziehung. Lebendig? Es ist natürlich nicht nur ein Schenken, sondern auch ein Empfangen! Austausch, Liebesfluss, wie man’s auch nennen will.

Berufung zum Priestertum

Nun zu der eigentlichen Berufungsfrage, die mich ja im Priesterseminar beschäftigt. Man hört von einigen Seiten die Rufe nach Frauenordination, nach Öffnung für Verheiratete, was auch immer. Ich denke, man muss sich von dem Berufungsbegriff der ersten Punkte lösen, wenn es um „Priesterberufung“ geht. Denn Gott ruft uns zu den obigen Punkten, aber zum Priester ruft uns die Kirche. Das ist ein Unterschied. Dann geht es noch um ein Priesterbild, was mit der Berufung verknüpft ist. Was ist also ein Priester?

Der Priester ist der Gnadenverwalter (Sakramentsgewalt) an Christi statt. Er steht in der apostolischen Sukzession und Tradition.

Eine kurze Definition von Priester :) Doch ich habe bedenken, was den zweiten Teil der Definition betrifft. These:

Das Apostelamt ist direkt an die Apostel gebunden. Alle, die in der Tradition der Apostel stehen, sind nicht mit Apostel zu identifizieren, sie sind den Aposteln lediglich ähnlich. Wie komme ich dazu? Die Apostel sind von Christus direkt Berufene. Christus hat sie direkt angesprochen. Sie kommen aus der Ostererfahrung. Sie waren zerstreut. Das Herz der Emmausjünger brannte, aber sie erkannten Christus nicht. Erst später erkannten sie den Herrn. Ebenso Thomas, der seine Hände erst in die Wunde legen musste. Ihre Berufung nährt sich nicht nur aus Glauben, sondern aus direkter Erfahrung und Berufung durch Christus. Und das gilt auch für Paulus. Er stürzt zu Boden und begegnet Christus direkt. Das war keine normale Erfahrung. Wer kennt den Priester und Bischöfe, die so eine Berufung erfahren haben wie Paulus?
Es gibt für mich keinen Anlass zu sehen, warum die Weitergabe der Sakramentsgewalt (Sukzession) auch eine Weitergabe des Apostelamtes sein soll. Die Apostel bilden im Wesentlichen ja nicht Christus, sondern seine Kirche. Die Kirche gibt also das Amt weiter. Dass dies im Namen Christi geschieht, bedeutet aber nicht, dass es auch Christus ist, der beruft.

Was ist noch nötig für die Sakramentsgewalt? Die Gültigkeit.

Gültigkeit kommt von zwei Seiten her. a) von Christus, der ja der Sakramentsurheber ist und b) von dem Sakramentsempfänger. Das sagte schon Cyprian von Karthago. Die Gültigkeit eines Sakramentes ist nicht von der spendenden Person (dem Priester/Bischof) abhängig.
Die grundlegende Fähigkeit dazu kommt durch die Taufe, weil wir Anteil am allgemeinen Priestertum haben. Das Priesteramt für sich ist eine Beauftragung und Bemächtigung (=Anteil an der Vollmacht [Unterschied zur Taufe!] des Priestertums Christi) ganz der Sakramentenausteilung zu dienen. Die Priesterweihe befähigt also das Priesteramt auszufüllen.

Theologisch ist damit aber klar, dass der Zölibat keine Notwendigkeit für Priestertum ist. Das sehen wir ja auch, wenn anglikanische Bischöfe konvertieren und dann trotz Familie zu Priestern geweiht werden.

Aber es gibt noch mehr Feststellungen:

a) Die Kirche als der Leib Christi wählt aus ihrer Mitte zölibatär lebende Menschen zum Priestertum. Allein weil Kirche der Leib Christi ist, ist ihre Entscheidung zölibatär lebende zu Priestern zu weihen gut! (Autorität, die von Christus her kommt)

b) Es gibt keine direkte Berufung von Christus zum Priester. Damit ist sie auch von jeglichem Gefühl und „Berufungsgefühl“ unabhängig. Der Wunsch „Priester werden“ ist somit eine Illusion, eine Projektion. Priestertum ist klar von einem Gemeindeleiter zu trennen. Es zeichnet sich aus durch volles Dienen. Das geschieht nur durch Demut und Gehorsam. Und  es geht daher vielmehr um die Eignung und die Akzeptanz, dem Ruf der Kirche zu folgen.

c) Frauenordination ist eigentlich kein Thema nach dieser Betrachtung. Es gibt einfach keine und damit ist es gut. Die Tradition hat nie Frauen zu Priestern geweiht. Und das obwohl es sogar möglich gewesen wäre. Maria, die Mutter Jesu, war wie keine Zweite geeignet. War sie doch die, die so sehr „Ja“ zu Gott sagen konnte, dass er nicht nur geistig, sondern leiblich in ihr Mensch werden konnte. Ihr zölibatäres Leben war so erfüllt, wie bei keinem anderen Menschen (vgl. Mariä Himmelfahrt). Aber dennoch war sie keine „Apostolin“ oder „Priesterin“. Ihre Rolle in der Heilsgeschichte war eine andere.

Genug geredet. Aber es war jetzt 3 Wochen lang Ebbe :)